Psychoscripte

Das False-Memory-Syndrome

von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch

Sind Erinnerungen an sexuellen Missbrauch, die in der Therapie auftauchen, immer falsch? Wurde sie den Patienten von feministischen Psychotherapeutinnen nur eingepflanzt? Können Erinnerungen an Traumata überhaupt vergessen werden?
Auf dieser Seite skizziere ich die wichtigsten Erkenntnisse der aktuellen Forschung, ohne auf die zahlreichen empirischen Studien im Einzelnen einzugehen. Ich möchten dem Leser einen kurzen Überblick verschaffen. Bei Interesse ermöglichen die abschließenden Links eine tiefer gehende Auseinandersetzung.

Zum Stand der Forschung

Es gibt...

  1. eine größere Zahl von Befragungen, in denen die Befragten angaben, Erinnerungen an sexuellen Missbrauch zeitweilig vergessen zu haben
  2. eine größere Zahl von Studien, in denen die Befragten angaben, vergessenen sexuellen Missbrauch nicht während, sondern vor einer Psychotherapie wiedererinnert zu haben
  3. eine größere Zahl von Untersuchungen, die belegen, dass manche wiedererlangte Erinnerungen an sexuellen Missbrauch zutrafen (Beweise z. B. durch nachträgliches Tätergeständnis)
  4. eine größere Zahl von Experimenten, die den Verdrängungsmechanismus und die Existenz des Unbewussten belegen, dazu zählen inzwischen auch neurowissenschaftliche Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren
  5. eine größere Zahl von Experimenten, die belegen, dass Erinnerungen falsch oder verzerrt sein können
  6. eine größere Zahl von Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass manche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch wahrscheinlich vollständig oder in einzelnen Details falsch waren.

So sieht die Datenlage zum "False-Memory-Syndrom" aus. Daraus folgt: Es ist alles möglich: Wahrheit und Lüge, falsche Erinnerungen, zutreffende Erinnerungen. Es gibt keine Möglichkeit, in psychologischen Interviews oder während psychologischer Therapien das eine vom anderen zuverlässig zu unterscheiden. Erinnerungen sind kein Beweis, ebenso wenig wie der Widerruf von Erinnerungen.

Missbrauch, Erinnerung und Politik

In den Sozialwissenschaften gibt es keine "reinen", theorie- und kontextfreien Tatsachen und daher auch keine Schlussfolgerungen aus Fakten, die vom jeweiligen Erkenntnisinteresse des Interpreten unabhängig sind. Ich betrachte die Tatsachen zum "False Memory Syndrome" auf der Basis folgender Sachverhalte:

  1. Eine nicht genau bekannte, aber erhebliche Zahl von Kindern wird in unserer Gesellschaft sexuell missbraucht und / oder körperlich misshandelt.
  2. Eine kleinere, aber dennoch bedeutsame Zahl von Kindern wird rituell und extrem sadistisch missbraucht.
  3. Diese Phänomene unterliegen immer noch einem Tabu.
  4. Polizei und Justiz sind äußerst schlecht auf diese Probleme eingestellt.
  5. Auch die Jugendämter neigen dazu, diese Probleme zu ignorieren oder herunter zu spielen.
  6. Es gibt eine Fülle von Zeitungsartikeln, Fernseh-Features, populärwissenschaftlicher Literatur, in denen die Sachverhalte in propagandistischer Absicht unwissenschaftlich dargestellt werden. Dies führte zu einer Polartisierung in eine Gruppe, die alle Erinnerungen an Missbrauch für falsch und eine andere Gruppe, die derartige Erinnerungen grundsätzlich für richtig hält.
  7. Dies führte zu einer aufgeheizten Atmosphäre in den Medien, die eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema sehr erschwert.
  8. Es gibt Pressure-Groups, die eine sachliche Diskussion auf jeden Fall verhindern wollen. Zu diesen Pressure Groups zählen Feministinnen und Anti-Feministen, christliche Fundamentalisten und Satanisten, Pädophile und Anti-Pädophile u. v. a. m.

Unter diesen Bedingungen - also bei dieser Datenlage und diesen politischen Gegebenheiten - muss damit gerechnet werden, dass tatsächlichen Opfern von Kindesmisshandlungen aller Art nicht geglaubt und Unschuldige grundlos wegen Kindesmissbrauch angeschuldigt werden.

Die wissenschaftlichen Befunde, die bei etwas gutem Willen eine fundierte, rationale Auseinandersetzung ermöglichen würden, liegen vor und die empirische Basis wird beständig weiter ausgebaut. Vor allem die amerikanische Forschung hat hier Beispielhaftes geleistet. Leider wird die Literatur - gerade in Deutschland - von den "Experten" in beiden Lagern (Pro & Contra) nur sehr einseitig rezipiert. Man neigt dazu, sich die Rosinen herauszupicken, also nur die Studien, die für die eigene Position sprechen, herauszustreichen.
Niemand muss stundenlang in Bibliotheken wühlen, um sich kundig zu machen. Im Internet findet sich eine Fülle von Material, das kostenlos herunter geladen werden kann.

Wichtige Links mit Basis-Infos und Quellen

Web Site der Psychologin-Professorin Jennifer Freyd, Tochter der "False-Momory-Syndrome-Foundation"-Gründer Peter J. und Pamela Freyd. Jennifer Freyd behauptet, von ihrem Vater sexuell missbraucht worden zu sein.

Web Site des Psychotherapeuten Jim Hopper, sehr umfassend, sehr materialreich.

Das Recovered Memory Project. Hier finden sich Studien zum Wahrheitsgehalt bzw. zur Glaubwürdigkeit von wiedergewonnenen Erinnerungen.

The Recovered Memory Controversy

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