
von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch
Kritiker meinen, Psychodiagnosen seien soziale Etiketten unter dem Tarnmäntelchen medizinischer Befunde. Besonders scharfe Kritiker behaupten sogar, sie seien Instrumente zur Ausgrenzung der Missliebigen. Die schärfsten Kritiker vergleichen sie mit dem Juden-Stern. Wie auch immer: Psychodiagnosen können sich verhängnisvoll auswirken, denn sie können einen Menschen sozial stigmatisieren, seine Existenz gefährden und sein Selbstwertgefühl zerstören. Ist dies eine unvermeidliche Gefahr, weil Psychodiagnosen für die Behandlung unbedingt erforderlich sind?
In der Therapie hilft die Psychodiagnostik nicht weiter. Warum nicht?
Psychodiagnostik ist, wie der Name schon sagt, eine Diagnostik der Psyche (was auch immer das sein mag). Die Psyche ist offenbar störanfällig und für jede Störung gibt es eine Schublade mit einem Etikett. Um zu erfahren, was sich hinter diesen Etiketten verbirgt, muss man in die gängigen psychiatrischen Dignose-Handbücher schauen. Diese sind Produkte psychiatrischer Wissenschaft und so sollte man auch wissenschaftliche Kriterien erwarten. Ein Leser mir dieser Erwartung sieht sich jedoch rasch enttäuscht. Die Diagnosen beruhen auf wertenden Beobachtungen des Verhaltens (zu dem auch die verbalen Äußerungen zählen).
Aus diesen wertenden Beobachtungen wird auf eine zugrunde liegende psychische Störung bzw. psychische Krankheit geschlossen. In die Störungstheorie fließen zahllose Zusatzannahmen ein, die weder durch die empirische Forschung, noch durch die wertenden Beobachtungen des Verhaltens der Diagnostizierten abgesichert sind. Es handelt sich um Unterstellungen. Diese sind - pragmatisch betrachtet - für das weitere Vorgehen unerheblich. Sie dienen vor allem der Rechtfertigung des weiteren Vorgehens.
Das einzige, was praktisch zählt, sind die Verhaltensbeobachtungen. Verändert sich das Verhalten in die gewünschte Richtung? Fühlt sich der Betroffene z. B. noch von Außerirdischen bedroht und traut er sich deswegen nicht aus dem Haus? Leidet er immer noch so stark unter abgrundtiefer, verzweifelter Traurigkeit, deren Ursprung er nicht versteht - oder kann er nun hin und wieder auch einmal lachen?
Dies sind die Fragen, an denen sich der Therapeut orientieren muss, und, wichtiger noch, dies sind die Fragen, die den Klienten oder Patienten interessieren und betreffen. Ob ihn die Psychiater oder Psychotherapeuten als depressiv oder schizophren oder sonstwie diagnostizieren, könnte ihm im Prinzip gleichgültig sein, wenn diese Diagnosen nicht schwerwiegende Konsequenzen für ihn haben könnten, nämlich soziale Stigmatisierung, die Existenzgefährdung und Zerstörung des Selbstwertgefühls. Psychodiagnosen sind somit nicht nur entbehrlich, sie sind sogar antitherapeutisch und mitunter tödlich.
Nun wird immer wieder einmal von Leuten, die von der Sache nichts verstehen, vorgetragen, dass manche Patienten ja nicht krankheitseinsichtig seien und dass man mit solchen Menschen auch keine therapeutischen Ziele vereinbaren könne. Man müsse daher eine Diagnose stellen und aus dieser ableiten, wie mit diesen "psychisch Kranken" zu verfahren sei.
Dazu ist allerdings erstens anzumerken, dass die sog. psychischen Krankheiten beim gegenwärtigen Stand der Forschung den Status von Hypothetischen Konstrukten besitzen. Und eigentlich kann man doch von niemandem erwarten, dass er die Hypothesen anderer Leute für richtig hält. Ist diese Veränderungsbereitschaft nicht vorhanden, dann ist jede Psychotherapie verlorene Liebesmühe.
Die Seele kann man nämlich nicht reparieren wie der Mechaniker ein Auto. Die Heilung der Seele ist immer Selbstheilung und Psychotherapie ist immer Förderung und Begleitung des Selbstheilungsprozesses, Hilfe zur Selbsthilfe. Die Alternative dazu besteht in einem Verzicht auf Behandlung oder in einer Zwangsbehandlung.
Aus rechtlichen Gründen braucht man zur Zwangsbehandlung eine besondere Form der Diagnose, nämlich eine solche, die eine behandlungsbedürftige schwere psychische Krankheit und überdies noch eine Gefährlichkeit des Betroffenen für sich und andere bzw. die öffentliche Ordnung feststellt.
Etwa 10 Prozent der Psychiatriepatienten werden während einer Behandlungseinheit mindestens einer Zwangsmaßnahme unterworfen. Die Rechtfertigung dieses Zwangs beruht auf allerlei Mythen, am wichtigsten jenem Mythos, der Psychodiagnostiker sei in der Lage, die Gefährlichkeit eines Menschen zu prognostizieren. Ausnahmsweise werden in diesem Bereich die Skandalmeldungen der Medien durch zahllose empirische Studien bestätigt: Dazu sind Psychodiagnostiker definitiv nicht in der Lage.
Es handelt sich bei diesen Zwangsbehandlungen im übrigen nicht um Therapie im medizinischen Sinne, weder um Psychotherapie, noch um Psychopharmaka-Therapie, sondern schlicht und ergreifend um Gehirnwäsche, und zwar um Gehirnwäsche in ihrer schwersten Form. Und dies ist hier kein Schimpfwort, sondern die nüchterne Beschreibung eines Sachverhalts.
Denn die harten Methoden der Gehirnwäsche beinhalten stets die folgenden vier Komponenten:
Die übliche psychiatrische Zwangsbehandlung beinhaltet aber genau diese vier Komponenten.
Siehe hierzu auch diese Einträge im Blog "Blaue Augen - Bloggen zwischen Fressen und Kotzen."
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