Psychoscripte

Traumata und Schizophrenie

von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch


Literatur

Read, J. et al. (2005). Childhood trauma, psychosis and schizophrenia: a literature review with theoretical and clinical implications. Acta Psychiatrica Scandinavia, 112: 330-350

Web Sites der Autoren

John Read

Jim van Os

A. P. (Tony) Morrison

Colin A. Ross

Für die traditionelle Psychiatrie ist die Schizophrenie eine überwiegend angeborene Stoffwechselstörung des Gehirns, die in erster Linie medikamentös behandelt werden muss. Neuere Erkenntnisse zeigen jedoch, dass seelische Verletzungen im Ursachenbündel dieser psychischen Störung eine erhebliche, wenn nicht die zentrale Rolle spielen. Daher sollten psychologische Therapien in der Behandlung der Schizophrenie eine wesentlich größere Rolle spielen als bisher. Dies bedeutet freilich nicht, dass Gehirn und Nervensystem nur eine untergeordnete Bedeutung besitzen. Schließlich kann traumatischer Stress das Gehirn erheblich schädigen.

Psychische Traumata als Ursache der Schizophrenie

Die traditionelle Sicht der Psychiatrie

Aus Sicht der meisten Psychiater ist die Schizophrenie eine Stoffwechselstörung des Gehirns. Diese sei für die charakteristischen Muster des Verhaltens und Erlebens schizophrener Mensch verantwortlich: Realitätsverlust mit Wahnideen und Halluzinationen, Identitätsverlust und sozialer Rückzug.

Die entscheidende Ursache dieser Stoffwechselstörung sei eine genetische Disposition. Man schließt dies aus Zwillingsstudien, vor allen aus unterschiedlichen Häufigkeiten der gemeinsamen Erkrankung von ein- bzw. zweieiigen Zwillingen. Auf Basis dieser Daten wird eine Erblichkeit der Schizophrenie von bis zu 70 oder 80 Prozent angenommen.

70 Prozent sind jedoch weniger als 100 Prozent und überdies können diese Prozentzahlen aufgrund methodischer Schwächen der Zwillingsforschung nur als hypothetisch betrachtet werden – und so müssen die Anhänger der Biologischen Psychiatrie einräumen, dass andere Faktoren eine Rolle spielen. Zu diesen Faktoren zählen neben Schädigungen vor und während der Geburt u. a. auch „biopsychosoziale“ Einflüsse.

Hinter diesem abstrakten Begriff der „biopsychosozialen“ Faktoren verbergen sich mehr oder weniger spekulative Annahmen über die Auswirkungen von gestörten oder zerbrochenen Familien oder „schizophrenogenen Müttern“, die ihre zur Schizophrenie geneigten (genetisch disponierten) Kinder mit widersprüchlichen Kommunikationen bombardieren (Double Bind).

Trotz dieses Zugeständnisses, dass auch psychologische Faktoren eine Rolle spielen, konzentriert sich die moderne Psychiatrie fast ausschließlich auf die biologischen Aspekte, also die mutmaßlich gestörten Stoffwechselprozesse und auf Medikamente zur Normalisierung dieser Störungen im Gehirn von Schizophrenen.

Ein Erdbeben in der Fachwelt

Auf zwei Konferenzen in Madrid und London trat 2006 ein internationales Forscherteam mit empirischen Befunden an die Öffentlichkeit, die nach Ansicht von Insidern ein kleines Erdbeben in der Fachwelt auslösen könnten. Die Kernaussage lautet: Schwere psychische Traumatisierungen, z. B. sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlungen und emotionale Verwahrlosung, sind ein wesentlicher Faktor im Ursachenbündel der Schizophrenie. Diese Forscher bestreiten den genetischen Einfluss nicht, betonen aber, dass psychische Traumata von der Schizophrenieforschung bisher zugunsten biologischer Faktoren erheblich unterschätzt wurden. Die traditionelle Forschung räume zwar ein, dass Traumata bei einigen psychiatrischen Krankheiten wie beim Posttraumatischen Stress-Syndrom oder der Dissoziativen Identitätsstörung eine bedeutende Rolle spielen ? als Ursache der Schizophrenie wurden sie bisher aber kaum in Erwägung gezogen.

Zu dieser Gruppe von Forschern, die psycho-traumatische Ursachen der Schizophrenie annehmen, zählen der Neuseeländer J. Reed, der Niederländer J. van Os, der Brite A. P. Morrison sowie der Kanadier C. A. Ross. Diese Wissenschaftler analysierten die empirische Literatur, die zwischen 1872 und Juli 2005 zu diesem Thema erschienen ist, und stellten ihre Ergebnisse 2005 in der englischsprachigen psychiatrischen Fachzeitschrift „Acta Psychiatrica Scandinavica“ vor. Trotz des langen Zeitraums fand sich nur eine kleine Zahl von empirischen Studien, die den Zusammenhang zwischen Trauma und Schizophrenie bei Frauen (46) oder Männern (31) untersuchen.

Die Auswertung dieser Studien ergab jedoch ein deutliches und einheitliches Bild mit u. a. folgenden Befunden:

  • Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung und emotionale Vernachlässigung sind kausale Faktoren der Schizophrenie; sie stehen vor allem in engem Zusammenhang mit visuellen Halluzinationen sowie dem Stimmenhören (kommentierende und kommandierende Stimmen).
  • Je schwerer das psychische Trauma war, desto ausgeprägter sind die psychotischen Symptome.
  • Psychologische Ansätze sind zur Behandlung traumatisierter Menschen mit der Diagnose „Schizophrenie“ effektiver als eine überwiegend medikamentöse Behandlung.
  • Die Forscher fanden Häufigkeiten des sexuellen Missbrauchs zwischen 51 und 97 Prozent.

Die Studien beruhten allerdings überwiegend nicht auf sog. „harten Daten" (Gerichtsurteile, Polizeiakten), sondern auf den Erinnerungen der Patienten an Missbrauch und Misshandlungen. Kritiker dieser Resultate könnten einwenden, dass diese Berichte nicht sehr zuverlässig seien, da Erinnerungen falsch sein könnten und da eine Verwechslung von Realität und Phantasie bekanntlich zum Krankheitsbild der Schizophrenie gehöre.

Das Forscherteam hält diese Bedenken aber nicht für stichhaltig, da eine größere Zahl von wissenschaftlichen Studien zeige, dass derartige Angaben von Psychotikern einer strengen Überprüfung in der Regel standhielten. Falsche Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs seien bei Schizophrenen nicht häufiger als in der Normalbevölkerung.

Die Studie von Read und seinen Mitarbeitern ist ein weiterer Mosaikstein eines neuen und alten Bildes der sog. psychischen Krankheiten. Die moderne, biologisch orientierte Psychiatrie hatte die alte Erkenntnis, dass seelische Verletzungen eine wesentliche Ursache späteren psychischen Leidens seien, durch Brain-Scans und Spekulationen über Neuro-Transmitter beinahe aus dem Bewusstsein verdrängt. Nun aber zeichnet sich eine Neuorientierung ab. Die Bedeutung der Traumata wird wiederentdeckt und - was noch bedeutender ist - ihr Einfluss auf den Hirnstoffwechsel wird mit den modernen Methoden der medizinischen Wissenschaft untersucht.

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