Psychoscripte

Ist die Sucht eine Krankheit?

von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch

Es war ein großer Fortschritt, als die Sucht nicht mehr als Zeichen von Charakterschwäche und moralischem Schwachsinn verstanden, sondern als Krankheit anerkannt wurde. Dies war eine Lockerung des abendländischen, christo-kapitalistischen Asketismus. Doch nun endlich ist die Zeit reif für weiteren Fortschritt, der - im Zeichen von Privat-TV und Pornofizierung der Gesellschaft - also durch den allgemeinen Verfall der Sitten möglich wird: die Anerkennung der Sucht als Lebensstil. Dies ist nicht so sarkastisch gemeint, wie es klingt. Auch die Sucht-Prävention muss mit der Zeit gehen, wenn sie erfolgreich sein will.

Ist Sucht eine Krankheit?

Ein komplexes bio-psycho-soziales Geschehen

In den einschlägigen Lehrbüchern finden sich Definitionen, die letztlich darauf hinauslaufen, dass die Sucht ein komplexes Geschehen mit physischen, psychischen und sozialen Aspekten sei. sei. Dies ist natürlich eine Leerformel, die vermutlich die Tatsache kaschieren soll, dass es eine einheitliche, empirisch erhärtete und von der Fachwelt geteilte Theorie der Suchtursachen nicht gibt (Peele & Alexander, 1998). Auch der Versuch, eine Suchtpersönlichkeit zu identifizieren, darf im Licht der empirischen Forschung als gescheitert betrachtet werden; desgleichen war die Suche nach einzelnen süchtigen Persönlichkeitszügen nicht erfolgreich (Rozin & Stoess 1993).

Aus meiner Sicht ist die Sucht keine Krankheit, denn eine unspezifische Reaktion auf unspezifische Ursachen kann keine Krankheit sein. Es gibt die unterschiedlichsten Anlässe zu einer süchtigen Entwicklung (z. B. psychische Traumatisierung, emotionale Vernachlässigung, Arbeitsplatzverlust, Ehescheidung, Vereinsamung) und der exzessive Gebrauch von Alkohol oder Drogen ist nicht die einzig mögliche Reaktion auf derartige Anlässe.

Und wie steht es mit den Genen? Ist heutzutage nicht alles genetisch? Ganz von der Hand zu weisen ist die Erblichkeit wohl nicht. Aber im Gesamt der Einflussfaktoren spielt sie vermutlich nur eine eher untergeordnete Rolle. Eine neuere, umfassende Metaanalyse der Studien zur Erblichkeit des Alkoholismus ergab z. B., dass die Gene dieses Phänomen maximal zu einem Drittel beeinflussen (Walters 2002). Und dabei gilt es noch zu bedenken, dass alle diese Studien zur Erblichkeit grobe methodische Mängel aufweisen und daher eher eine Überschätzung des genetischen Einflusses darstellen. Generell gilt hier, was die Astrologen über die Sterne sagen: Die Gene machen geneigt, sie zwingen nicht.

Ein riskanter Lebensstil

Was ist die Sucht dann? Die Sucht ist ein riskanter Lebensstil, keine Krankheit. Sie ist ein Lebensstil, eine Form der Lebenspraxis, die allerdings körperliche Erkrankungen nach sich ziehen kann. Wer zu viel raucht, beispielsweise, erhöht die Wahrscheinlichkeit, an Lungenkrebs zu sterben.

Nun höre ich den Einwand, die Sucht sei doch ein unkontrollierbarer Zwang, beständig Alkohol oder Drogen in immer größeren Mengen zu sich zu nehmen – und dies können man nur als Krankheit bezeichnen. Doch diese populäre Auffassung stimmt auch nicht. Erstens nämlich gibt es eine größere Zahl von sog. Sebst-Heilern, also Menschen, die aus eigener Kraft entweder abstinent werden oder zum kontrollierten Konsum zurückfinden. Und zweitens gelingt es auch vielen Süchtigen, die Dosis relativ konstant zu halten. Nicht selten verordnen sie sich selbst einen Entzug, sie „dosieren sich herunter“ – aus Kosten- und Gesundheitsgründen.

Konsequenzen für die Therapie

Aus dieser Position ergeben sich natürlich gravierende Konsequenzen für die Therapie. Man kann die Sucht nicht therapieren, weil sie keine Krankheit ist. Einen Lebensstil kann man nicht behandeln. Natürlich gibt es Menschen, die ihre Sucht gern überwinden oder die sie in einer weniger exzessiven Form ausleben möchten. Manche schaffen dies allein oder mit Hilfe von Freunden, Bekannten, Seelsorgern oder dem Guru aus dem nächsten Wohnblock. Andere allerdings nicht. Für sie bietet sich eine psychologische Beratung an, die aber, wie jede andere psychologische Beratung auch, akzeptierend sein sollte. Der Berater sollte Anregungen und Feedback geben, psychologisches Wissen beisteuern, motivieren, aber er sollte die Überzeugungen, Wünschen, Einstellungen und Glaubenssysteme des Ratsuchenden nicht in Frage stellen. Denn er kann den Süchtigen nicht heilen. Auch bei Abhängigkeiten ist jede Heilung der Seele eine Selbstheilung.

Literatur

Peele, S. & Alexander, B. K.: Theories of Addiction. In: Peele, S.: The Meaning of Addiction. Compulsive Experience and its Interpretation. San Francisco (Jossey-Bass) 1998

Rozin, P. & Stoess, C.: Is there a general tendency to become addicted? Addictive Behavior, 18, 81-87, 1993

Walters, G. D.: The heritability of alcohol abuse and dependence: a meta-analysis of behavior genetic research. American Journal of Drug and Alcohol Abuse, August 2002

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