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Frauen sind anders, auch beim Trinken. Die Wahrscheinlichkeit einer Alkoholerkrankung ist bei Frauen deutlich geringer als bei Männern. Sie werden aber wesentlich häufiger medikamentenabhängig. Dies dürfte auch an den unterschiedlichen gesellschaftlichen Rollen von Männern und Frauen liegen. Denn die Abhängigkeit von "Mothers Little Helpers" ist eine unauffällige Sucht.
Dieser Stoßseufzer aus rauhen Männerkehlen wird heute seltener ausgestoßen als früher. Damals wie heute beruhte er vermutlich auf einem Vorurteil. Männer verursachen z. B. schwerere Unfälle als Frauen. 1994 wurden bei jeweils 1000 von Männern verursachten Unfällen mit Personenschaden im Mittel 30 Menschen getötet und 395 schwer verletzt. Bei 1000 von Frauen verursachten Unfällen wurden durchschnittlich 13 Tote und 295 Schwerverletzte gezählt. Besonders überproportional fallen Männer bei Alkoholdelikten auf. Autofahrer sind mehr als zwölfmal so häufig mit Alkohol am Steuer erwischt worden wie Autofahrerinnen.
Manche meinen, Frauen seien in Wirklichkeit nicht das schwache, sondern das starke Geschlecht. Was die Stärke gegenüber den Verlockungen des Königs Alkohol betrifft, kann dieser Einschätzung kaum widersprochen werden. In den Industriestaaten ist nur rund ein Drittel der Alkoholiker weiblich. Alkohol ist allerdings für Frauen auch weitaus schädlicher als für Männer: Die Wahrscheinlichkeit, an den Folgen des Alkoholmißbrauchs zu sterben, liegt bei Alkoholikerinnen um 50 bis 100 Prozent höher als bei Alkoholikern. Alkoholikerinnen sterben zudem deutlich häufiger infolge alkoholbezogener Unfälle, Kreislauferkrankungen und Leberzirrhose. Sie bringen sich überdies öfter um als ihre männlichen Leidensgenossen.
Der weibliche Alkoholismus ist nicht nur seltener als der männliche, er wird auch besser versteckt. Noch immer heißt es nämlich, daß niemand ein rechter Mann sei, der noch nie einen richtigen Rausch gehabt habe; demgegenüber wird eine öffentlich betrunkene Frau leicht als Flittchen oder Schlampe betrachtet. Auch dies ist ein Grund, warum ich "Alkohol – das unbekannte Rauschgift" als Titel dieses Beitrags gewählt habe. Dieser Titel trifft besonders auf den weiblichen Alkoholismus zu.
Im übrigen weiß auch die Wissenschaft bis heute noch recht wenig über den Alkoholkonsum und -mißbrauch bei Frauen. Die empirische Forschung konzentrierte sich überwiegend auf Männer. Vielleicht hängt diese "Forschungs-Abstinenz" des männlich dominierten Wissenschaftsbetriebs auch mit den mitunter heiklen Hintergründen weiblicher Trunksucht zusammen: Schließlich zeigt eine nationale Umfrage in den Vereinigten Staaten, daß der chronische Alkoholmißbrauch bei Frauen sehr eng mit sexuellen Funktionsstörungen korreliert.
Dieser Sachverhalt gewinnt eine besondere Dynamik durch weitere Forschungsergebnisse, die darauf hinweisen, dass ein sehr hoher Prozentsatz von Alkoholikerinnen in Kindheit und Jugend sexuell mißbraucht oder mißhandelt wurde. Die Zahl der Opfer, die später alkoholabhängig wurden, wird in einer Studie sogar auf beinahe 90 Prozent beziffert.
Auch wenn diese Studien nicht repräsentativ wären, müsste man in ihnen einen Hinweis für beachtlichen gesellschaftspolitischen Sprengstoff sehen. Denn vieles deutet darauf in, dass die Erforschung des weiblichen Alkoholismus zwangsläufig in Bereiche führt, in denen immer noch sehr viele, zähe Tabus das klare Denken behindern und so Erkenntnisse verhindern: Alkohol – das unbekannte Rauschgift.
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