Bei mehr als einem Drittel aller Gewalttaten in der Familie ist Alkohol im Spiel. Ähnlich hohe Zahlen werden für schwere Körperverletzungen und Totschlagsdelikte im außerfamiliären Umfeld geschätzt.

Eine Idylle - nur ein paar Promille von der Katastrophe entfernt

"Das Überich", so lautet ein in Psychoanalytikerkreisen gern kolportiertes Bonmot, "ist bekanntlich alkohollöslich". Und in der Tat: Alkohol enthemmt. Das mentale Korsett, mit dem der Mensch seine Elementartriebe einzwängt, wird gelockert. Nicht alle Menschen reagieren gleich stark auf diese entlastenden Wirkungen des Alkohols. Dennoch tragen sie erheblich zur Faszination dieses Rauschgifts bei. Allerdings nicht nur zur Faszination, sondern auch zur Gefährlichkeit.

Denn der Alkohol senkt die Aggressionsschwelle. Zahllose Gewalttaten werden unter dem Einfluss von Alkohol begangen. In manchen Fällen wäre die Tat ohne die enthemmende Wirkung von Alkohol wahrscheinlich gar nicht verübt worden.

Alkohol kann demgemäß die Steuerungsfähigkeit eines Menschen erheblich einschränken. Nach bisheriger Rechtsprechung wurden daher Täter mit einer Blutalkohol-Konzentration zwischen zwei und drei Promille stets milder bestraft. Diese Regelung ist allerdings ins Wanken geraten. Inzwischen hat sich nämlich die Erkenntnis durchgesetzt, daß gewohnheitsmäßige Trinker eine zum Teil erhebliche Alkoholtoleranz entwickeln.

Daher ist auch bei hohen Promillewerten nicht zwangsläufig eine "erhebliche Verminderung der Schuldfähigkeit" (§ 21 StGB) anzunehmen. Toleranz bedeutet: Der Trinker muss zunehmend mehr Alkohol trinken, um dieselbe Wirkung zu erzielen – bzw.: Ein bestimmte Menge Alkohol produziert einen immer schwächeren Effekt.

Erfahrene Trinker können große Mengen Alkohol ohne äußere Anzeichen des Rausches konsumieren. Diese Gewöhnung an das Rauschgift ermutigt zu beständiger Erhöhung der Dosis. Anders als bei den Opiatabhängigen ist bei erwachsenen Alkoholkonsumenten eine lebensbedrohliche, akute Vergiftung äußerst selten. Der Trinker erbricht sich oder schläft ein, lange bevor die tödliche Dosis erreicht ist. Die Toleranzentwicklung verläuft in den einzelnen psycho-physischen Leistungsbereichen unterschiedlich schnell.

Die Beeinträchtigung höherer geistiger Funktionen vermindert sich deutlich schneller als die Störung visuell-motorischer Aufgaben (z. B. Autofahren). Überdies werden die negativen Auswirkungen des Alkohols durch Toleranzentwicklung schneller abgeschwächt als die positiven.

Dies begünstigt natürlich Suchtprozesse. Unterschiede in der selektiven Toleranzentwicklung bezüglich der angenehmen und unangenehmen Alkoholeffekte sind vermutlich genetisch (mit-)bedingt. Genetisch prädisponierte Menschen gewöhnen sich relativ langsam an die angenehmen, aber relativ schnell an die unangenehmen Seiten des Alkohols.