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Wer auf Alkohol nicht verzichten will, sollte sich dazu erziehen, dem Konsum von Bier oder Wein die gleiche Aufmerksamkeit zu widmen wie einem Feinschmeckeressen. Ein gutes Glas Wein verdient einen angemessenen Rahmen und den rechten Zeitpunkt.

Der chinesische Klassiker T'ao Yüan-ming war nicht nur ein Meister des Worts, sondern auch ein tadelloser Winzer. Man sagte von ihm: "Seine Gedichte sind wie Wein, sein Wein ist ein Gedicht". Er verstand es, sich mit einem guten Tropfen Wein kunstvoll in gehobene Stimmung zu versetzen; die Saufgelage seiner dichtenden Zeitgenossen waren ihm fremd. Er verschmolz den Weingenuss mit seinem literarischen Schaffen.
Auch in unseren modernen Zeiten finden sich Menschen, die sich in der hohen, strengen Kunst des maßvollen Trinkens üben. Das Hohelied dieser Menschen singt vor allem die einschlägig werbende Wirtschaft. Der in der Werbung präsentierte moderate Trinker ist meist männlich, väterlich, gütig, erfolgreich. Er umgibt sich mit den Attributen des Guten, Schönen und Wahren. Letzteres wird in der Regel durch eine Bücherwand mit ledergebundenen Werken symbolisiert, wobei sich, unterstreichend, natürlich ein geheimnisvolles "In vino veritas" in den Augenwinkelfältchen des wissend lächelnden Genießers abzeichnet.
Unlängst fragte ich einen abgehärteten Trinker, was er denn unter "maßvollem Trinken" verstehe. Maßvolles Trinken bedeute, so die Antwort, weniger zu trinken, als Spaß mache. Dies war die vornehme Variante des alten Säuferspruchs: "Halb besoffen ist rausgeschmissenes Geld!" Fakt ist, daß die Limits für "maßvolles Trinken" in der Regel sehr niedrig angesetzt werden: Nicht mehr als ein Gläschen Bier für die Frau bzw. eine Flasche für den Mann pro Tag. Viele Zeitgenossen, die dem Alkohol nicht völlig abhold sind, halten die Werte für übertrieben niedrig. Auch der um Rat befragte Hausarzt dürfte sich kaum trauen, die "offiziellen" Empfehlungen der Gesundheitsbehörden auszusprechen.
Und in der Tat sind diese Empfehlungen auch allzu schematisch, um den tatsächlichen Verhältnissen gerecht zu werden. Schädigungen durch Alkohol hängen nicht nur vom Geschlecht und der Trinkmenge, sondern auch vom Körpergewicht, vom Trinkmuster, von Ernährungsgewohnheiten, vom allgemeinen Gesundheitszustand, von den Lebensgewohnheiten, der genetischen Anfälligkeit und vielen anderen Faktoren ab. Maßvolles Trinken sollte eher als kultiviertes und gesundheitsbewusstes Trinken definiert werden. Mit Verstand genossen, können mäßige Mengen Alkohols durchaus die Lebensgeister wecken. Die milde Wirkung eines guten Tropfens reduziert Stress, fördert die Freude am Beisammensein mit anderen Menschen, erzeugt eine angenehme, gehobene Stimmung mit wohlwollenden Gefühlen, lindert Ängste und Spannungen und erhöht das Selbstbewusstsein. Besonders bei älteren Menschen ist auch die appetitanregende Wirkung nicht zu vergessen.
Einige Studien deuten darauf hin, daß mäßiges Trinken von Wein das Risiko von Herz-/Kreis-lauferkrankungen mindere. Diese Nachricht ist sicher besonders tröstlich für Menschen, die sich wegen ihres Alkoholkonsums Kritik gefallen lassen müssen. Wer einfach nur um seine Gesundheit besorgt ist, findet mit Sicherheit nicht weniger effektive Formen der Prophylaxe von Herz- und Kreislauferkrankungen – auch ohne die mit dem Alkoholkonsum verbundenen Risiken. Man bedenke, daß z. B. auch bei mäßigem Trinken gefährliche Wechselwirkungen zwischen Alkohol und Medikamenten nicht auszuschließen sind. Desgleichen kann die Fahrtüchtigkeit durch relativ geringe Blutalkoholkonzentrationen, sogar unter 0,3 Promille, beeinträchtigt werden.
Es fällt naturgemäß leichter, die Kunst des maßvollen Genießens zu erlernen, zu üben und zu pflegen, wenn das kulturelle Umfeld stimmt. Leider fördert unser gegenwärtiges gesellschaftliches Klima eher die Maßlosigkeit. Maßhalten im Sinne der Kunst des Genießens nämlich erfordert freiwillige Selbstdisziplin und letztere setzt verinnerlichte Werte voraus. In einer Zeit des Werteverfalls und der Beliebigkeit der Ideologien ist es schwierig, Werte zu verinnerlichen. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, daß uns wahre Meister des maßvollen Genießens immer seltener begegnen, während die Zahl der Schwerstsuchtkranken beständig steigt. Viele würden sicher sehr gern maßvoll genießen, aber wenn der Chef mit Entlassung droht, die Frau nörgelt, die Kinder schreien, im neuen Auto schon wieder eine Schramme ist, der Finanzminister uns das letzte Geld aus der Tasche zieht, kurz, wenn ohnehin alles scheissegal ist, dann muss man doch einfach hin und wieder einen über den Durst trinken, oder?
Wer z. B. Damenbüstenhalter, Staubsauger oder Zigaretten mit parfümiertem Mundstück verkauft, will nicht lange warten, bis der Kunde zugreift. Der Kunde soll sofort zugreifen, ohne viel zu überlegen. Unsere Gesellschaft erzieht die Menschen zu Konsumenten, die sofort zugreifen. Die Wirtschaft braucht scheinbar diesen Menschenschlag. Auch daher ist es nicht weiter erstaunlich, wenn viele auch bei den Rauschgiften sofort zugreifen. Da das legale Rauschgift "Alkohol" sich immer in Griffnähe befindet, haben viele schnell die Flasche in der Hand, wenn irgendwo der Schuh drückt. Ein zupackender, pragmatischer Politiker, der dafür bekannt war, seinen Tag mit Kaffee und Weißbier zu beginnen (synchron, versteht sich), ließ sich vor Jahren von einem ihm tief ergebenen Journalisten vor laufender Kamera live interviewen – volltrunken. Ein anderer Politiker antwortete auf die Frage einer Boulevardzeitung, wieviel Bier er sich beim Oktoberfest genehmige, offenbar völlig bedenkenlos: "Na, drei Maß am Abend gehören zu dem Spaß schon dazu!"
Ethnologische Forschungen zeigen, daß Kulturen, die Alkoholmißbrauch moralisch missbilligen, weniger Alkoholiker haben, als Ethnien, die schwer berauschte Menschen tolerieren oder milde belächeln. Diese Unterschiede lassen sich nicht genetisch erklären, da sie sich auch in genetisch verwandten Ethnien mit unterschiedlichen Wertsystemen in Sachen Alkohol zeigen. Damit wird nicht behauptet, dass genetische Differenzen keine Rolle spielen; aber, wie bereits erwähnt, die Gene machen geneigt, sie zwingen nicht. Aus dieser Neigung wird dann aber in einer permissiven Gesellschaft leichter ein manifester Alkoholismus, als in einer Gesellschaft, die den Vollrausch missbilligt.
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