Es gibt kein Zauberwort, dass die Pforte zur immerwährenden Abstinenz öffnet. Halt, doch. Doch, es gibt eins: Beharrlichkeit.

Der schwarze Gürtel der Abstinenz

Wer es allein nicht schafft und sich für eine Therapie entscheidet, hat die besten Erfolgsaussichten, wenn er nicht arbeitslos ist, in stabilen Beziehungen lebt, nicht oder kaum psychisch gestört ist, keine gescheiterten Alkoholtherapien hinter sich hat und keine oder nur selten andere Drogen konsumiert. Aber auch in diesem "Idealfall" sind die Erfolgsaussichten schwer zu prognostizieren, da sich natürlich die betroffenen Menschen, die Therapieformen, die Therapeuten und die Begleitumstände von Fall zu Fall zum Teil erheblich voneinander unterscheiden. Die einschlägige Therapieforschung steckt noch in den Kinderschuhen, sogar die amerikanische Literatur bietet bestenfalls Orientierungshilfen, aber keine auch nur halbwegs gesicherten Erkenntnisse. Alle Aussagen über Alkoholismus-Therapien, die sich aus wissenschaftlichen Erkenntnissen oder praktischen Erfahrungen ableiten lassen, treffen zwar in der Regel auf einige Fälle zu, können aber nicht verallgemeinert werden.

Die Rückfallquoten sind erschütternd hoch: So wurden z. B. ca. 90 Prozent der Alkoholiker einer amerikanischen Studie innerhalb eines Zeitraums von vier Jahren nach Abschluß ihrer Therapie mindestens einmal rückfällig. Diese Zahl ist vermutlich zu hoch, um repräsentativ zu sein; dennoch erreichen selbst gut geführte Therapeutische Gemeinschaften mit maßgeschneiderten Programmen – bei einmaliger Behandlung und langjähriger Katamnese - selten Erfolgsquoten über 50 Prozent.

Der Alkoholismus ist also, wie jede Sucht, eine Rückfallerkrankung. Obwohl mitunter lebensbedrohlich, dürfen Rückfälle jedoch nicht nur negativ, nicht nur als Katastrophe beurteilt werden. Rückfälle werden mitunter sogar zu einem Motor der Heilung, wenn der Betroffene durch die Erfahrung des Rückfalls, seiner Ursachen, Auslöser und Konsequenzen noch stärker zur Abstinenz motiviert wird. Auch eine vorherige Therapie wird durch einen Rückfall nicht wertlos; oft ist sogar das Gegenteil der Fall: Die "Lehren" der Therapie werden durch den Rückfall "verifiziert"; der Betroffene erkennt, daß in der Therapie Gelerntes tatsächlich zutrifft und beherzigt werden muss.

In einer empirischen Analyse des Rückfalls gelangten Marlatt und Mitarbeiter zu dem Schluß, daß dafür kein einzelner Faktor, sondern eine Wechselwirkung verschiedener Einflußgrößen verantwortlich ist. Zu diesen Einflußgrößen zählen diese Wissenschaftler

  1. Hoch-Risiko-Situationen, durch die der Betroffene früher zum Trinken animiert wurde;
  2. die Fähigkeiten, diese Situationen zu meistern;
  3. die selbst wahrgenommene persönliche Kontrolle über diese Situationen;
  4. die erwarteten positiven Effekte des Alkohols.

Die Hoch-Risiko-Situationen lassen sich in drei Hauptgruppen unterteilen, nämlich

  1. Frustration und Ärger;
  2. sozialer Druck;
  3. Verführung durch andere.

Diesen Erkenntnissen entsprechend, wurden vor allem von Verhaltenstherapeuten Programme zur Rückfall-Prophylaxe entwickelt. Hier sollen die Betroffenen in der Regel lernen, die inneren und äußeren Reize zu identifizieren, die Alkoholkonsum auslösen können. Außerdem sollen sie Fähigkeiten entwickeln, derartige Auslöse-Situationen ohne Alkohol zu meistern. Die Erfolge dieser Programme sind ermutigend, allerdings keineswegs überzeugend.

Aus meiner Sicht hilft gegen Alkohol und andere Drogen ohnehin am besten der folgende felsenfeste Entschluß. Er lautet: "Ganz gleich, wie ich mich fühle und ganz gleich, was in der Welt um mich herum geschieht – ich werde nie wieder Alkohol trinken bzw. Drogen konsumieren, rauchen usw". "Felsenfest" bedeutet, daß ich grundsätzlich keine Argumente gelten lasse, die diesen Entschluss in Frage stellen könnten. Im Grunde ist dies die ganze Philosophie. Sie genügt. Auf etwas anderes muss man sich gar nicht erst einlassen. Und wenn es dennoch zum Rückfall kommt? Dann war der Entschluss noch nicht "felsenfest". Auf ein Neues. Übung macht den Meister – dies gilt auch für ein abstinentes Leben.