Der Begriff des Rausches hat eine doppelte Bedeutung: Einerseits bezeichnet er die Verwirrung der Gefühle und Gedanken, andererseits einen ekstatischen, erweiterten und übersteigerten Bewusstseinszustand. Der Alkohol verdeutlicht die negativen Aspekte des Rausches wie kaum eine andere Droge.

Nur wenige Drogen haben ein größeres Gewaltpotenzial als der Alkohol.Die Weigerung, Alkohol als Rauschgift einzustufen, ist im Grunde grotesk. Es gibt wohl kaum eine andere Droge, bei der die äußeren Symptome der Vergiftung uns des Rausches deutlicher wahrnehmbar sind als beim Alkohol. Man kann sie sehen, hören und riechen. Der Betrunkene lallt, schwadroniert, lärmt, ist aggressiv, wankt, torkelt, schwenkt eine Alkoholfahne, erbricht sich, fällt unter den Tisch, fährt vor den Baum, robbt auf den Brustwarzen nach Hause oder beträgt sich in anderer Weise ungebührlich. Selbst extrem verwahrloste und entwurzelte Drogenabhängige verhalten sich nicht derart auffällig wie ein stinknormaler Besoffener im Vollrausch.

Man mag einwenden, daß doch die meisten Zeitgenossen alkoholische Getränke gesittet und in Maßen genießen. Während ich über diesen Einwand nachdenke, fällt mein Blick auf die neue Ausgabe des Spiegels, der vor mir auf meinem Schreibtisch liegt. Beim Durchblättern springt mir eine Schlagzeilen ins Auge, die wie gerufen kommt: "Nachtleben / Obszöner Suff ". Hier wird über eine Londoner Firma berichtet, die Diskothekenbesitzern hilft, "ihren Laden in Schwung zu bringen". Sie vertreibt eine sogenannte "Kiss-My-Ice"-Skulptur. Dabei handelt es sich um einen Eistorso, der naturgetreu mit männlichen bzw. weiblichen Geschlechtsmerkmalen geformt ist.

"An jenem vergehen sich die Gäste in bisweilen obszöner Manier, um auf diese abgeschmackte Weise dem Rausch anheimzufallen. In jedem Eiskörper ist nämlich ein dünner Kanal geritzt, und wenn Alkohol über den Rumpf gegossen wird, nimmt er jenen Weg durch den Gletscherleib, über den er den menschlichen normalerweise verläßt. Nicht die einfachste Art, sich zu betrinken, auch nicht die hygienischste - aber sicher die peinlichste."

Dem Alkohol wohnt eine Tendenz zum Exzess inne, und diese charakterisiert sein Wesen besser als die erlesenen Manieren wohlerzogener Weintrinker - ganz gleich, was uns die Alkoholwerbung weismachen will. Auf der Rückseite derselben Ausgabe des Spiegels wirbt ein alteingesessener Schnapsbrenner für seinen Schwarzwälder Himbeergeist mit dem Slogan: "Die geistvollste Art, Früchte zu genießen."