Sind dies die Bänder, die den Alkoholiker an die Flasche fesseln?

Viele Menschen trinken Alkohol. Manche sind Genießer, manche Säufer. Die einen können aufhören, wenn es zuviel wird, die anderen müssen weitertrinken bis zum Umfallen. Warum?

Ob Alkoholismus vererbt wird, ist zur Zeit in der Wissenschaft noch umstritten. Doch unabhängig davon ist noch kein Trinker vom Himmel gefallen. Saufen will gelernt sein. Selbst wenn der Alkoholismus teilweise oder vollständig auf genetischen Determinanten beruhen sollte, wird niemand wegen einer derartigen Disposition (erblichen Belastung) zwangsläufig zum Alkoholiker. Die Astrologen sagen: Die Sterne machen geneigt, aber sie zwingen nicht. Ob dies wahr ist, weiß ich nicht. Wird der Satz jedoch auf die genetischen Grundlagen des menschlichen Verhaltens übertragen, stimmt er mit Sicherheit: Die Gene machen geneigt, aber sie zwingen nicht. Dies gilt natürlich auch für eine erbliche Vorbelastung in Sachen Alkohol. Entscheidend ist auch hier ein meist langjähriger Lernprozess. Dieser wird u. a. durch soziale, ökonomische, kulturelle, politische und natürlich auch durch individuelle, psychologische Einflussgrößen gesteuert. Die Wahrscheinlichkeit, mit der dieser Lernprozess zum Alkoholismus führt, hängt mit ziemlicher Sicherheit auch von genetischen Dispositionen ab.

Doch dies sind statistische Erwägungen, die sich auf eine Vielzahl von Fällen beziehen. Im Einzelfall kann alles anders sein. Ein Mensch aus einer Dynastie von Säufern kann durchaus ein Leben lang sozialer Trinker sein, auch wenn er nicht nur durch das biologische Erbe, sondern zudem durch das schlechte Vorbild seiner trinkenden Eltern vorbelastet ist.

Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass hierzu auch eine Gegenposition vertreten wird. Diese These lautet: Alkoholismus ist eine süchtige Reaktion auf Alkohol bei einem biologisch anfälligen Trinker, die von seinem Charakter bzw. Persönlichkeit unabhängig ist. Alkoholismus ist aus dieser Sicht eine unbedingte Reaktion auf Alkohol, die sich nur bei bestimmten Menschen einstellt. Diese Reaktion wird nicht gelernt und kann nicht gelernt werden: Sie ist biologisch vorgegeben. Daher kann sie auch nicht verlernt werden. Sie ist in der "Hardware" des betroffenen Nervensystems fest verankert. Psychologische und soziologische Faktoren werden entweder geleugnet oder für zweitrangig erklärt. Psychische Störungen und Charakterdeformationen sind, so lautet diese These, nicht die Ursache, sondern die Folge des Alkoholismus.

Dabei handelt es sich allerdings - zur Zeit noch - um eine Minderheitsmeinung. Obwohl es beim gegenwärtigen Forschungsstand ziemlich sicher ist, daß genetische Faktoren im Ursachenbündel des Alkoholismus eine Rolle spielen, kennt man die dafür verantwortliche spezifische Kombinationen von Genen noch nicht. Wenn es möglich wäre, genetisch gefährdete Menschen schon in jungen Jahren zu identifizieren, könnte man sie vielleicht durch spezielle Präventionsprogramme vor den Gefahren des Alkoholismus schützen. Ob wir uns jedoch den - dank Genforschung - "Gläsernen Menschen" wünschen sollen, bleibt dahingestellt.