Der Alkoholismus hat vielfältige, stets individuelle Ursachen. Keine dieser Ursachen führt zwangsläufig zu dieser Erkrankung. Mit dem Fortschreiten der Sucht wird der Alkoholismus unabhängig von seinen ursprünglichen Usachen. Er besteht weiter, auch wenn diese überwunden wurden.

Warum saufen Menschen? Es gibt wohl keine Gründe, die in jedem Fall vorliegen. Und Gründe, die in einem Fall Alkoholismus begünstigen, können in anderen Fällen andere Verhaltensweisen hervorrufen.

Stress - Alkohol, die große Verlockung

Manche Menschen trinken, um Stress abzubauen und bleiben dann an der Flasche hängen. Andere leiden unter Angstzuständen und versuchen, sie mit Alkohol zu kurieren. Wieder andere wollen damit ihre Schüchternheit überwinden, sich sexuell stimulieren, einen vorzeitigen Samenerguß verhindern bzw. den Koitus verlängern.

Manche Menschen imitieren das schlechte Vorbild ihrer Eltern oder werden durch trinkende Freunde verführt. Auch sind bestimmte Persönlichkeitstypen gefährdeter als andere. Menschen, die Sensationen suchen, impulsiv sind, Bedürfnisbefriedigungen nicht aufschieben können und wenig Selbstdisziplin besitzen, haben besonders häufig Alkoholprobleme.

Hat sich jedoch erst einmal eine psychische Abhängigkeit oder gar eine körperliche Sucht herausgebildet, so wird der Alkoholkonsum "funktionell autonom", d. h. unabhängig von seinen ursprünglichen Ursachen. Diese können längst überwunden oder irrelevant geworden sein, ohne dass dies zwangsläufig zur Beendigung des Alkoholmißbrauchs führt.

Der amerikanische "National Council on Alcoholism and Drug Dependence" schlägt folgende Definition des Alkoholismus vor:

"Alkoholismus ist eine primäre, chronische Erkrankung, deren Verlauf und Erscheinungsformen durch genetische, psychosoziale und Umwelt-Faktoren bestimmt werden. Diese Erkrankung ist oft fortschreitend und lebensbedrohlich. Sie ist durch folgende, kontinuierliche oder periodische Merkmale gekennzeichnet: mangelhafte Kontrolle des Trinkens; übermäßige Beschäftigung mit der Droge Alkohol; Alkoholkonsum trotz nachteiliger Konsequenzen; Verzerrungen des Denkens, insbesondere Verleugnung."

Es war ein langer Weg von der moralischen Verurteilung des Alkoholikers zu dieser Definition. Doch trotz moderner wissenschaftlicher Erkenntnis haben sich die meisten Menschen noch nicht von der traditionellen Sichtweise verabschiedet. Aus diesem Blickwinkel ist der Alkoholiker im Grunde ein charakterschwaches, demoralisiertes, haltloses Individuum, das sein Schicksal selbst verschuldet hat.

Dies wird häufig nicht offen geäußert - politisch korrekt formuliert, ist der Alkoholiker schließlich ein kranker Mensch mit berechtigtem Anspruch auf fachliche Hilfe. Viele sind sich ihrer Vorurteile gegenüber Alkoholikern auch gar nicht bewusst. Aber ein untergründiges Ressentiment wird von den meisten Menschen in unserer Gesellschaft geteilt. Sogar viele Alkoholiker sehen sich letztlich selbst so.

Wenn ich dafür plädiere, Alkoholiker nicht moralisch zu verurteilen, so bedeutet dies keineswegs, daß ich sie von der Verantwortung für ihre Krankheit freispreche. Wer Alkoholiker nur als hilflose Opfer ihrer Gene oder ihrer Umwelt sieht, untergräbt ihre Selbstheilungskräfte.

Nicht der Alkoholismus ist moralisch verwerflich, wohl aber die Weigerung, ihn zu überwinden und, falls erforderlich, zu diesem Zwecke Hilfe zu suchen bzw. anzunehmen.

Wer durch den Mißbrauch von Alkohol nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Menschen bzw. der Gesellschaft insgesamt schadet, kann sich nicht mit "Krankheit" rechtfertigen, auch wenn er de facto an einer Krankheit leidet. Er ist aufgerufen, sich um Heilung zu bemühen.