König Alkohol ist ein freundlicher Herrscher. An seiner Tafel lässt sich trefflich zechen. In fröhlicher Runde kann man das Leben genießen. König Alkohol ist auch eine furchtbarer Despot. Seine kalte Hand greift schon nach den Kindern im Mutterleib. Er erniedrigt seine Knechte, sein Lohn ist Illusion.

Alkoholische Projektionen

Alkohol - das unbekannte Rauschgift! Diesen Titel habe ich gewählt, weil die meisten Menschen mit dem Begriff "Rauschgift" z.B. Heroin, Kokain, LSD, Haschisch oder Ecstasy verbinden, nicht aber Alkohol.

Wenn man diese Menschen darauf hinweist, daß Alkohol sowohl berausche, als auch giftig sei, stimmen sie zwar in der Regel zu, weigern sich innerlich aber dennoch, Alkohol durch einem gemeinsamen Oberbegriff mit den illegalen Drogen gleichzusetzen.

Unsere Gesellschaft neigt dazu, die Gefahren des Alkohols zu verharmlosen. Psychologisch betrachtet handelt es sich hier um einen kollektiven Abwehrmechanismus. Die Gefahren des Alkoholkonsums werden, ähnlich wie die des Rauchens, verleugnet und verdrängt.

Das schlimmste Elend der Sucht wird unbewusst auf die illegalen Drogen projiziert. In der Gefahreneinschätzung der meisten Menschen rangieren Heroin und Kokain, LSD und nicht selten sogar Haschisch bzw. Cannabis über den alkoholischen Getränken. Diese Einstufung ist weder medizinisch, noch psychologisch gerechtfertigt.

Krankheit und Moral

Wenn man sich allein die Unfall- oder Kriminalstatistiken anschaut, kann man unschwer erkennen, welche Folgen der Alkoholmissbrauch für unsere Gesellschaft im Allgemeinen und viele Betroffene im Besonderen hat.

Wer durch den Missbrauch von Alkohol nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Menschen bzw. der Gesellschaft insgesamt schadet, kann sich nicht mit "Krankheit" rechtfertigen, auch dann nicht, wenn er de facto an einer Krankheit leidet. König Alkohol ist, wie alle Despoten, nicht allmächtig.

Dennoch ist er ein gerissener Herrscher und es gelingt ihm, dass seine Untertanen seine Befehle als inneren Zwang erfahren. Der Israeli Joseph Zohar, einer der führenden OCD-Forscher (obsessive-compulsive disorder) sieht eine deutliche Überlappung zwischen einer Zwangsstörung und einer Abhängigkeit, insbesondere bei Abhängigen mit einer komorbiden Angststörung oder Depression.

Zwangsstörungen und Abhängigkeiten seien Störungen der Impulskontrolle, die mit einer Tendenz zu gefährlichen und selbstzerstörerischen Verhaltensweisen verbunden seien. Bei beiden Störungen sei eine Tendenz zur Dosissteigerung (mehr Drogen, mehr Rituale) zu beobachten. Es gäbe einige Hinweise, dass Abnormalitäten der 5-HT-Rezeptoren im Gehirn bei Abhängigkeitserkrankungen und Zwangsstörungen eine Rolle spielen.

Die Psychiaterin Donatella Marazziti stößt in dasselbe Horn. Sie sieht auf Basis neuerer Erkenntnisse zu 5-HT einen engen Zusammenhang zwischen Störungen dieser Rezeptoren und Kleptomanie, zwanghaftem Einkaufen sowie Abhängigkeiten.

Es handelt sich hier um neuere Erkenntnisse, zu denen es noch nicht allzu viel Literatur gibt. Dennoch scheint mir, dass die traditionelle Trennung von Abhängigkeiten und Zwangserkrankungen sich im Licht der neueren psychoneurophysiologischen Forschung auf Dauer nicht halten lässt.

Dennoch darf man vor der Tatsache die Augen nicht verschließen, dass auch innere Zwänge überwunden werden können - mit oder ohne fremde Hilfe.

Ist der Alkoholismus überhaupt eine Krankheit

Es gibt gute Gründe, die Sucht als Krankheit aufzufassen. Der wichtigste in unserer heutigen Zeit lautet: Nur wenn die Sucht eine Krankheit ist, wird die Suchttherapie auch durch die Krankenkassen bezahlt. Aus psychologischer und philosophischer Perspektive aber drängen sich Zweifel auf am Krankheitskonzept - einem Konzept, dass letztlich suggeriert, der Betroffene sei einem körperlichen Prozess passiv ausgeliefert wie ein körperlich Kranker.

Aus meiner Sicht ist der Alkoholismus keine Krankheit, sondern ein riskanter Lebensstil, der Krankheiten wie z. B. Leberschäden verursachen kann. Inwiefern dieser Lebensstil frei gewählt wurde, ist eine philosophische Frage. Hat überhaupt irgendwer einen freien Willen? Fakt jedenfalls ist, dass niemand den Trinker mit vorgehaltener Pistole zwingt, sich den Schnaps hinter die Binde zu gießen. Niemand erpresst ihn unter Androhung schlimmster Nachteile, sich volllaufen zu lassen. Es wartet kein Erschießungskommando, wenn man das Bier stehen lässt. Dies sollte jeder Alkoholiker bedenken, der sich als Opfer einer Krankheit fühlt.

Auch wenn letztlich jeder für seinen Lebensstil selbst verantwortlich ist, so darf man die Augen nicht davor verschließen, dass die Umwelt bestimmte Lebensstile fördert oder zumindest toleriert - und der alkoholisierte Lebensstil gehört zweifelsfrei dazu. Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, kann der Verzicht auf Alkohol durchaus zu Konflikten mit den lieben Mitmenschen führen, die sich bei feucht-fröhlichen Anlässen in Gegenwart eines Nicht-Trinkers offenbar nicht wohl fühlen. Doch da muss man durch, wenn man sich selbst mag. Und das ist doch wohl das wichtigste, oder?

Die ursprüngliche Fassung dieses Internet-Textes war Bestandteil der Web Site des Fachverbandes Freier Einrichtungen in der Suchtarbeit (FES). Diese Web Site wurde nach dem Verkauf der FES-Mitgliedsunternehmen DAYTOP, PHÖNIX und SECA an den Deutschen Orden vom Netz genommen.


Beratung

Der Autor dieses Beitrags berät Menschen mit Alkoholproblemen und deren Angehörige im Internet.