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Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine psychische Erkrankung, die auf traumatischen Kindheitserfahrungen und vermutlich auch auf einer erblichen Krankheitsneigung (Disposition) beruht. Jedoch verstärken auch die Lebensbedingungen in den Industriestaaten diese Störung.
Die Zahl der Menschen, bei denen eine behandlungsbedürftige Erkrankung aus dem Formenkreis der sogenannten schweren Persönlichkeitsstörungen diagnostiziert wird, hat seit Ende des Zweiten Weltkriegs beständig zugenommen. Dies ist nicht nur eine Folge verstärkter Aufmerksamkeit der psychiatrischen Fachwelt für derartige psychische Störungen.
Es handelt sich vielmehr auch um Auswirkungen der Lebensbedingungen in den Industriestaaten. Diese Lebensbedingungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit primitiver Abwehrmechanismen als vorherrschende Form der Lebensbewältigung.
Unter "primitiven Abwehrmechanismen" verstehen wir unangemessene Reaktionen auf Stress, der durch Impulse aus der Innenwelt oder Reize aus der Außenwelt hervorgerufen wird. Wir nennen diese Abwehrmechanismen "primitiv", weil sie einem frühkindlichen Funktionsniveau der menschlichen Psyche entsprechen. Sie sind undifferenziert und unorganisiert. Bei einem Erwachsenen wirken sie auf Außenstehende bestenfalls kindisch, meist aber werden sie als ungehörig empfunden. Beispiel: Ein Erwachsener reagiert auf eine als ungerecht erlebte Zurücksetzung mit maßloser Wut und verteufelt diejenigen, die ihn angeblich ungerecht behandelt haben - und dies obwohl angesichts des Gegenstandes der Auseinandersetzung eine sachlicher, argumentativer Streit engemessen gewesen wäre.
U. a. fördern folgende Lebensbedingungen in modernen Industriegesellschaften die Neigung zum Einsatz primitiver Abwehrmechanismen und verstärken ihren Gebrauch: [1]
Überdies können sich die Lebensbedingungen in Industriestaaten auch störend auf das Familienleben und hier insbesondere auf die Mutter-Kind-Beziehung auswirken. Sie erhöhen dadurch die Wahrscheinlichkeit schwerer psychischer Verletzungen. Diese frühen Traumatisierungen sind für Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen charakteristisch.
Das Schwarz-Weiß-Denken der Borderliner ist
auch ein Versuch, die Komplexität moderner Industriegesellschaften
zu verringern.Dies bedeutet jedoch nicht, dass schwere Persönlichkeitsstörungen allein durch soziale, kulturelle und wirtschaftliche Bedingungen erklärt werden könnten. Wenngleich dies noch nicht abschließend geklärt ist, so sprechen doch zahlreiche wissenschaftliche Befunde für organische Faktoren im Ursachenbündel dieser Erkrankungen. [2]
Die Behauptung, die Lebensbedingungen in unserer Zivilisation, also in den sogenannten Wohlstandsgesellschaften begünstigten die Entwicklung schwerer Persönlichkeitsstörungen, widerspricht nur scheinbar der Einschätzung dieser Störungen als "Hungerkrankheiten". [3]
Denn auch oder gerade in den "Wohlstandsgesellschaften" kann der menschliche Hunger nach Kontakt, liebender Zuwendung und Stimulation nachhaltig frustriert werden. Und zwar in einem Ausmaß, dass eine mitunter lebenslange Störung im Bereich des "aktiven, 'aggressiven' Verlangens nicht nur nach (oraler) Fütterung mit Nahrung, sondern auch nach warmer (taktiler) Zuwendung" [4] zur Folge hat.
Eine derart zentrale Störung im Bereich des Gebens und Nehmens, der Regulation von Nähe und Distanz beinhaltet ein ernstzunehmendes Gefährdungspotential. Hier denke ich nicht nur an die Neigung zu selbstschädigendem Verhalten, die u. a. für die Borderline-Persönlichkeitsstörung charakteristisch ist, sondern auch an Tendenzen zur Fremdschädigung, die wir am ausgeprägtesten bei den Soziopathen, aber auch bei vielen anderen schweren Persönlichkeitsstörungen finden.
Diese fremdschädigende Tendenz kann mit potentieller Selbstschädigung verbunden sein, wie zum Beispiel beim rücksichtslosen Autofahren. Sie kann sich aber auch als wahnhaft motivierte Aggression ausschließlich nach außen wenden.
Nach Erfahrungen R. Battegays sind narzisstisch schwer gestörte Menschen unfähig, Objekte als gesondert von sich zu betrachten.
"Die Betreffenden besitzen dementsprechend in ihrer Phantasie die Objekte nicht eigentlich, sondern sie gehen in ihrer Vorstellung mit ihnen eine Fusion ein, bei der die Objekte als solche zu existieren aufhören. Regt sich ein Objekt, so dass es als solches wahrgenommen wird, verweigert es die Fusion, so bestehen für diese narzistisch schwer gestörten Persönlichkeiten nur zwei Möglichkeiten: entweder das Objekt wird vernichtet, oder aber die Betreffenden fühlen sich durch das in Erscheinung getretene Objekt wahnhaft verfolgt." [5]

Es ist also nicht nur im Interesse der Betroffenen, sondern in vielen Fällen auch zum Schutz der Gesellschaft unbedingt erforderlich, angemessene Behandlungsmöglichkeiten für diesen Patientenkreis anzubieten. Hinsichtlich der Sozialschädlichkeit weisen die beiden Leitsyndrome schwerer Persönlichkeitsstörungen, nämlich die Borderline-Persönlichkeitsstörung einerseits und die antisoziale (psycho- bzw. soziopathische) Persönlichkeitsstörung andererseits bedeutsame Gemeinsamkeiten auf: Ausbeuterisches Verhalten, oberflächliche soziale Anpassung, geringe Schuldgefühle, manifeste und angedrohte Gewalt. [6]
Zudem sind für viele Menschen, die unter schweren Persönlichkeitsstörungen leiden, eine nebelhafte, inhaltsarme Sprache sowie die damit verbundene Unfähigkeit, sich in die Gedankenwelt anderer Menschen hineinzuversetzen, charakteristisch [7] , [8] . Dies ist gleichermaßen Ausdruck und Nährboden antisozialen Verhaltens und gemeinschaftsfeindlicher Einstellungen.
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