Schwere Persönlichkeitsstörungen beruhen in der Regel auf frühen Störungen der Mutter-Kind-Beziehung. Diese Störungen setzen bereits in den ersten drei Lebensjahren ein. Vermutlich können aber auch zu einem späteren Zeitpunkt massive seelische Verletzungen (Misshandlung, Missbrauch) eine schwere Persönlichkeitsstörung hervorrufen.

Frühe Störungen

Mutter-Kind-Beziehung. Aus psychoanalytischer Sicht handelt es sich bei den schweren Persönlichkeitsstörungen um sog. Frühe Störungen, deren Ursachen in der präödipalen Phase zu finden sind. Aus dieser Sicht liegt den schweren Persönlichkeitsstörungen eine krankhafte Verzerrung der Mutter-Kind-Beziehung zugrunde, wobei die entscheidenden Schädigungen bereits in der vorsprachlichen Phase der frühkindlichen Entwicklung einsetzten.

Das folgende Zitat ist ein charakteristisches Beispiel für diese Sichtweise:

"So entwickelt sich im Alter zwischen 18 und 36 Monaten im Kind ein Konflikt zwischen seinem eigenen Drang nach Individuation und Autonomie einerseits und der Furcht vor dem Entzug der emotionalen Unterstützung durch die Mutter, den diese Entwicklung zur Autonomie zur Folge hätte, andererseits. Um seine Ichstruktur zu entwickeln und um zu wachsen, braucht es ihre Billigung; wenn es sich jedoch entwickelt, wird ihm die Unterstützung entzogen. Dies sind die ersten Keime seiner Verlassenheitsgefühle..., die so weitreichende Konsequenzen haben." [9]

Sexueller Missbrauch. Diese traditionelle Sicht der Psychoanalyse ist durch eine größere Zahl neuerer Studien erheblich relativiert worden. Es zeigt sich, dass sehr viele Patienten, die unter sog. Frühen Störungen leiden, in ihrer Kindheit und Jugend schwer körperlich misshandelt und/oder sexuell missbraucht wurden.

Saunders und Arnold haben den Versuch unternommen, die Neigung schwer persönlichkeitsgestörter Menschen, primitive Abwehrmechanismen einzusetzen, als Konsequenz dieser traumatischen Gewalt-/Missbrauchserfahrungen zu deuten, wobei es sich in der Regel um postödipale Traumatisierungen handelt. [10]

Die Rekonstruktionen von Saunders und Arnold sind psychologisch überzeugend, wurden allerdings noch nicht empirisch erhärtet. [11]

Verwendungsformen des Borderline-Begriffs

Eine Differenzierung des Globalbegriffs der schweren Persönlichkeitstörungen ist überaus schwierig und bisher noch nicht überzeugend gelungen. Eine Abgrenzung verschiedener Störungsformen dieser Obergruppe erscheint oftmals willkürlich; Überschneidungen auf der Symptom-Ebene sind häufig, desgleichen finden sich auch im Bereich der Ursachen keine eindeutigen Zuordnungskriterien.

Die diagnostischen Schwierigkeiten demonstriert Modestin anhand der Borderline-Störungen. Er differenziert acht verschiedene Verwendungsformen des Borderline-Begriffs:

    Verzweiflung
  • Borderline als Schizophrenie-Form (latente Schizophrenie)
  • Borderline als besonderer Typ der Persönlichkeitsstörung
  • Borderline als Oberbegriff für schwere Persönlichkeitsstörungen schlechthin
  • Borderline als eine affektive Störung
  • Borderline als Markenzeichen der Unanalysierbarkeit
  • Borderline als Syndrombezeichnung
  • Borderline als Verlegenheitsdiagnose
  • Pseudo-Borderline-Syndrom (atypische larvierte Depression) [12]

Es ist hier nicht der Ort, die verschiedenen Verwendungsformen des Borderline-Begriffs im einzelnen zu analysieren. Vielmehr will ich mich auf eine dieser Verwendungsformen konzentrieren, die der bedeutende Psychoanalyter und Borderline-Spezialist Otto Kernberg [13] bevorzugt - nämlich Borderline als Oberbegriff für schwere Persönlichkeitsstörungen schlechthin.   

Borderline als Leitsymptom

Wenngleich es wahrscheinlich psychologisch nicht zwingend ist, alle schweren Persönlichkeitsstörungen unter dem Etikett "Borderline" zusammenzufassen, so darf diese Erkrankung doch als Leitsyndrom begriffen werden, dem - vielleicht - die Soziapathie als zweites Leitsyndrom beigesellt werden kann. Aufgrund der zahlreichen Überschneidungen beleuchten die Besonderheiten dieser Leitsyndrome das Wesen schwerer Persönlichkeitsstörungen schlechthin.

Dabei handelt es sich bei den Etiketten "Soziopathie" und "Borderline" vielfach nur um Akzentuierungen, wie folgende Charakterisierung des "Dissozialen" zeigt:

"Dissoziale haben kaum ich-schützende Schranken gegen übermäßige Reize von außen und von innen. Sie sind der Macht der eigenen Impulse und Ängste ebenso ausgesetzt wie den einströmenden Außenreizen, so dass realitätsangemessenes Verhalten und die Wahrnehmung der Realität partiell gestört wird. So werden sie von aggressiven und sexuellen Triebimpulsen überschwemmt ebenso wie von narzisstischen, illusionären Tagträumen, die sie von der Realität entfernen. Dieser strukturelle Defekt führt zu Störungen der Realitätsprüfung als auch zu Störungen im Realitätsgefühl und im Denken." [14]

Diese Beschreibung beleuchtet gleichfalls eine Facette der Borderline-Persönlichkeit.

Nach Kernberg [15] lässt sich die Borderline-Organisation wie folgt differenzieren:

  • Auf der Ebene der Identitätsintegration herrscht Diffusion vor.
  • "Widersprüchliche Aspekte vom Selbst und von den anderen sind schwach integriert und werden getrennt gehalten."
  • Zu den bevorzugten Abwehrmechanismen zählen vor allem die primitive Idealisierung, die projektive Identifizierung, die Leugnung, die Omnipotenz (Allmachtsgefühle) und die Entwertung.
  • Die Fähigkeit zur Realitätsprüfung ist zwar erhalten; es treten jedoch Verzerrungen der Realitätswahrnehmung und des Realitätsgefühls auf.

Zu den Krankheiten, denen eine Borderline-Persönlichkeitsorganisation zugrundeliegt, zählt Kernberg die paranoiden, schizoiden, hypomanischen, zyklothymen, impulsiven, infantilen, narzisstischen, antisozialen und sog. Als-Ob-Persönlichkeitsstörungen. [16]


[9] Masterson, James F.: Psychotherapie bei Borderline-Patienten. Stuttgart (Klett-Cotta), 1980, Seite 46

[10] Saunders, Eleanor A. & Frances Arnold: A Critique of Conceptional and Treatment Approaches to Borderline Psychopathology in Light of Findings about Childhood Abuse, in: Psychiatry, Vol. 56, May 1993, p. 188-203

[11] Es ist denkbar, dass die spezifische Dynamik schwerer Persönlichkeitsstörungen in manchen Fällen auf einer Wiederbelebung präödipaler Traumata und Interaktionsstörungen durch Gewalterfahrungen in der späten Kindheit beruht. Hier wäre dann zu erwägen, ob bestimmte, relativ späte Formen präödipaler Störungen der Mutter-Kind-Beziehung das Kind zu einer verfrühten und verzerrten Entwicklung von Ich-Funktionen zwingen. Dies könnte die Konsequenz des mütterlichen Versagen sein, mit dem Kind altersgemäß und seinen Entwicklungsbedürfnissen entsprechend zu interagieren.
Darauf könnte das Kind notgedrungen mit einer nicht altersgemäßen, verstärkten Aufmerksamkeit für Äußerungen mütterlicher Wünsche sowie mit der  verfrühten Entwicklung manipulativer Fähigkeiten reagieren. 
Die damit verbundenen Phänomene der "Frühreife" und "Altklugheit" könnten dann das betroffene Kind zum Opfer körperlicher Mißhandlung oder/und sexuellen Missbrauchs prädisponieren. Gewalt- und Missbrauchserfahrungen würden die Fehlentwicklung von Ich-Funktionen weiter verstärken.
Dies bleibt zunächst noch Spekulation, findet aber eine gewisse Bestätigung durch entsprechende Symptome.
Hier denke ich zum Beispiel an eine Form des Schulversagens, die zugleich durch die traumatischen Folgewirkungen von Missbrauch und Misshandlung sowie durch eine krankhaft beschleunigte Entwicklung von Ich-Funktionen gekennzeichnet ist. Das betroffene Kind hinkt seinen Mitschülern in seiner emotionalen Entwicklung hinterher und ist ihnen bezüglich seiner Fähigkeiten, Menschen einzuschätzen und zu manipulieren, überlegen. Es ist äußerst schwierig, diese Kinder pädagogisch zu führen - dieser Aspekt begünstigt zusätzlich das Schulversagen.

[12] Modestin, J.: Nosologische Konzepte von Borderline-Störungen, in: Schweiz. Rundschau Med. (PRAXIS), 80, Nr. 8, 1991, p. 169-172

[13] Kernberg, Otto F.: Schwere Persönlichkeitsstörungen. Theorie, Diagnose, Behandlungsstrategien. Stuttgart (Clett-Cotta) 1988, vgl. hierzu auch Modestin, a.a.O., Seite 170 f.

[14] Janssen, P.L.: Dissozialität als Symptom bei Patienten mit Borderlinestruktur, in: Payk, Th.R. (Hrsg.): Dissozialität. Psychiatrische und forensische Aspekte. Suttgart (Schattauer), 1992

[15] Kernberg, a.a.O., Seite 38

[16] vgl. Modestin, a.a.O., Seite 170

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Definitionen

präödipale/postödipale Phase:
Phase vor/nach dem Ödipus-Komplex. Darunter versteht die Psychoanalyse die Gesamtheit von Liebes und feindseligen Wünschen, die das Kind seinen Eltern gegenüber empfindet. In seiner positiven Form ist er mit einem Todeswunsch gegenüber einem Rivalen des gleichen Geschlechts (meist Vater) und einem sexuellen Wunsch gegenüber einer Person desselben Gechlechts (meist Mutter) verbunden. In der negativen Form wird die gleichgeschlechtliche Person geliebt und die gegengeschlechtliche eifersüchtig gehasst. Nach Freud erreicht der Ödipuskomplex zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr seinen Höhepunkt.

Primitive Abwehrmechanismen:
Primitive Idealisierung: Nur die positiven Aspekte eines Gegenstandes werden wahrgenommen; alle negativen Dimensionen werden abgetrennt.
Projektive Identifizierung: Teile des eígenen Selbst werden in andere Menschen eingeführt, um sie zu kontrollieren oder ihnen zu schaden.