Borderline-Persönlichkeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie kein klares Bild von sich selbst und von für sie wesentlichen Bezugspersonen besitzen. Sie neigen dazu, eine psychische Verschmelzung mit anderen anzustreben. Die Verweigerung einer solchen "Fusion" löst Aggressionen aus.

Störung der Selbst- und Fremdbilder

Borderline-Wut

Wutausbrüche ohne erkennbaren Anlass: typisch für Borderliner

Verschmelzung (Fusion) und Aggression. Eine Störung der Selbstbilder und Fremdbilder (Selbst- und Objektrepräsentanzen) ist also ein vorherrschendes Merkmal der meisten schweren Persönlichkeitsstörungen. Unter "Objekten" verstehen wir in diesem Zusammenhang nicht nur Sachen, sondern auch Menschen.

Bei den betroffenen Individuen verhält es sich oft so, dass sie "eine totale Einordnung der ihnen Begegnenden oder der mit ihnen Arbeitenden in ihre Vorstellungswelt erwarten."[17]

Sie tendieren dazu, "Objekte so sehen zu wollen, wie sie sie aus inneren Gründen benötigen. Dabei helfen ihnen ihre Größenvorstellungen, das Objekt in dieser Weise als ein Merklmal ihrer selbst zu betrachten. Die Mitmenschen sollen nur die Gefühle der narzisstisch Gestörten widerspiegeln, nicht aber ihre eigenen bekanntgeben."[18]

Das vielfach in einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung wurzelnde unbewusste Gefühl der Minderwertigkeit zwingt die Betroffenen in eine Verschmelzung (Fusion) mit Objekten, die eigene Mängel beheben sollen. Die mit der unbewussten Minderwertigkeit dialektisch verbundene Grandiosität (volkstümlich: Größenwahn) erlaubt nun die Verwandlung des Objekts in ein Merkmal der eigenen Persönlichkeit.

Diese Menschen schmücken sich gewohnheitsmäßig mit fremden Federn, ohne dass ihnen dies bewusst werden muss. Wehrt sich aber ein anderer Mensch gegen einen derartigen Missbrauch, ist mit unkontrollierten Aggressionsausbrüchen bei dem schwer persönlichkeitsgestörten Menschen zu rechnen.

Körperliche Angriffe gegen das frustrierende Objekt sind keine Seltenheit; der Geschädigte wird dann zumeist sogar im Sinne einer projektiven Identifizierung für die Schlägerei verantwortlich gemacht. Dies ist im Grunde derselbe Mechanismus, mit dem sexuelle Missbraucher ihre Taten psychisch verarbeiten.[19] Eine weitere Verwandtschaft besteht darin, dass in beiden Fällen die Täter versuchen, ihre Opfer durch Drohungen und unter Ausnutzung von Abhängigkeiten zum Schweigen zu verpflichten.

Soziopathen neigen bei schweren narzisstischen Kränkungen (Fusionsverweigerung) zur "Bandenbildung", zu einer regelrechten "Rudelhatz". Der Soziopath kreist mit seinen "Spießgesellen" symbolisch oder tatsächlich sein Opfer ein, isoliert es von potentiellen Unterstützern, um es dann, in einer Situation äußerster Schwäche, symbolisch oder tatsächlich zu vernichten. Dies ist ein Augenblick des narzisstischen Triumphes, nach dem viele schwer persönlichkeitsgestörte Menschen gleichsam süchtig sind.

Psychogene Kriminalität

Gewalt und Wahn. Nicht selten ist also psychogene Kriminalität die unausweichliche Folge einer schweren Persönlichkeitsstörung. Besonders gefährdet ist das sich verweigernde Opfer einer narzisstischen Fusion, wenn der narzisstisch Gestörte, aus welchen Gründen auch immer, von seinem Opfer abhängig ist.[20]   Sind die Hemmschwellen gegenüber einer physischen Vernichtung zu groß und schlägt der Versuch einer symbolischen Vernichtung (zum Beispiel durch Rufmord, bei Vorgesetzten Entlassung eines Mitarbeiters o.ä.) fehl, dann zwingt die der narzisstischen Störung eigentümliche Psychodynamik den Betroffenen dazu, einen Verfolgungswahn zu entwickeln. Das Objekt der narzisstischen Fusion wird nun als Verfolger erlebt, der den narzisstisch Gestörten physisch oder symbolisch vernichten will. Das frustrierende Objekt wird menschlich entwertet und dämonisiert.

Rechtsbruch als Rache. In günstigeren Fällen werden minderschwere Normübertretungen (Diebstähle in Warenhäusern, Hotels, Übervorteilung von Mitmenschen, illegale oder moralisch verwerfliche Geschäfte usw.) zum Sport, um sich unbewusst und sozusagen kollektiv für die fortwährenden narzisstischen Kränkungen zu rächen.

Missbrauch von Alkohol und Drogen

Viele Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen neigen zum Missbrauch von Alkohol und anderen Drogen. Für Kernberg bilden die Süchte sogar eine Untergruppe der schweren Persönlichkeitsstörungen. [21] Ob sich diese Zuordnung empirisch reproduzieren läßt, hängt neben den Daten natürlich auch vom Begriff der schweren Persönlichkeitsstörungen und von der Definition des Alkoholismus ab.

Borderline-Alkoholiker. Nace und Mitarbeiter untersuchten eine Stichprobe von stationär behandelten Alkoholikern mit dem Diagnostic Interview for Borderlines (DIB).[22] 39,3 % der Patienten wiesen Borderline-Züge auf; 12,8 % litten im strengen Sinne an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Die Borderline-Alkoholiker unterschieden sich von den anderen alkoholkranken Patienten vor allem dadurch, dass ihr Alkohol-Verlangen (craving) in angenehmen Situationen am größten war, wohingegen die Nicht-Borderliner in Stresssituationen das stärkste Alkohol-Verlangen entwickelten.

Nash und Mitarbeiter schlagen die folgende Erklärung für dieses Phänomen vor: Borderline-Alkoholiker entwickeln ein verstärktes Alkohol-Verlangen in positiven Situationen, weil diese primitive grandiose Erwartungen sowie übersteigerte Forderungen stimulieren und das Bedürfnis wecken, mehr haben zu wollen, als die Realität bieten kann.

Tousignant & Kovess[23] untersuchten die Häufigkeit von Borderline-Störun­gen unter Alkoholikern in einer städtischen und einer ländlichen Region. Ihre Stichprobe bestand aus Personen, die in ihrer Gemeinde als Alkoholiker in Zuge eines Gesundheits-Zensus (health survey) identifiziert worden waren. Etwa ein Drittel der Alkoholkranken wies Borderline-Züge auf. Eine hohe Prävalenz von Borderline-Zügen fand sich jedoch nur in der städtischen Region. Dies bestätigt die bereits diskutierte Vermutung, dass schwere Persönlickeitsstörungen auch ein Produkt der Urbanisierung westlicher Gesellschaften seien.

Rücksichtsloser Radfahrer

Ein rücksichtsloser Fahrstil ist ein Charakteristikum der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Bösartiger Narzissmus. Obwohl Patienten mit der Doppeldiagnose "schwere Persönlichkeitsstörung" und "Alkoholismus" in vielen Fällen durchaus therapiefähig sind, sofern die Besonderheiten beider Erkrankungen berücksichtigt werden [24], ist vor allem bei Patienten, die unter bösartigem Narzißmus leiden, besondere Vorsicht angebracht.[25]

Kernberg spricht von bösartigem Narzissmus, wenn das narzisstische Größenselbst von Aggressionen durchdrungen ist. Bei diesen Kranken nimmt das Selbstwertgefühl zu und die Grandiosität wird bestätigt, wenn sie sich selbst oder anderen gegenüber Aggression zum Ausdruck bringen können. Patienten dieses Typs, bei denen allgemeine Impulsivität, Unaufrichtigkeit, chronische Neigungen zur Selbstbeschädigung bzw. -gefährundung sowie Alkohol- und/oder Drogengebrauch gleichzeitig bestehen, haben eine besonders ungünstige Prognose.

Antisoziale Persönlichkeiten. Die Befunde von Poldrugo und Forti legen den Schluss nahe, dass antisoziale Persönlichkeiten (Soziopathen) kaum von einer Langzeit-Gruppentherapie zu profitieren vermögen. [26] Für soziopathische Alkoholiker sind ein früher Beginn des Missbrauchs sowie erhebliche Probleme in Arbeit, Familie und mit der Justiz charakteristisch.[27] Für Borderline-Alkoholiker sind kurzfristige Phasen erheblichen Alkoholmissbrauchs kennzeichnend, die von unregelmäßigen Abstinenzphasen unterbrochen werden. Dieses Konsummuster ähnelt den intensiven, aber instabilen interpersonalen Beziehungen dieser Patientengruppe.[28]


[17] Battegay, a.a.O. , Seite 79
[18] Battegay, a.a.O., Seite 80
[19] Tragischerweise wird in einer patriarchalischen Kultur den Tätern (meist Männer) eher geglaubt als den Opfern. Dies ist ein altes Motiv:
"Lot und seine Töchter fliehen ins Gebirge und finden Unterkunft in einer Höhle. Dort beschließen die beiden Töchter, was für heutige Ohren ungeheuerlich klingt: dass kein Mann mehr da sei, wollten sie bei ihrem Vater liegen, um Kinder zu bekommen. Sie machten ihn betrunken, damit er davon nichts merke (1. Mose 19,31 ff.).
Josephine Rijnaarts bezweifelt in ihrem Buch 'Lots Töchter' die Wahrheit dieser Szene und hält sie für eine bewusste Umkehrung des sexuellen Mißbrauchs der Töchter durch ihren Vater. Es handele sich um eine typische Situation: die Mutter tot, der Vater mit den Töchtern allein. Darum sei eher zu vermuten, dass Lot ihnen Wein zu trinken gab, um sie willfährig zu machen, statt dass es sich so abgespielt haben könne, wie die Bibel schildert.
" (Wöller, Hildegunde: Vom Vater verwundet. Töchter der Bibel. Stuttgart (Kreuz-Verlag) 1991, Seite 23)
Ohne religiöse Gefühle verletzen zu wollen, erlaube ich mir anzumerken, dass die Darstellung der Bibel psychologisch äußerst unglaubwürdig ist, auch, bzw. vor allem, wenn man historischen Unterschiede zur heutigen Zeit berücksichtigt. Dennoch existiert eine große Bereitschaft, diese biblische Geschichte unreflektiert zu akzeptieren. Schwer gestörte Persönlichkeiten mit soziopathischen Zügen oder echte Soziopathen haben ein feines Gespür für die in ihrer Kultur verankerte Bereitschaft, ihre Taten in einer bestimmten "Verpackung" zu tolerieren oder für sie wenigstens mildernde Umstände gelten zu lassen. So wird sich z. B. mancher Vergewaltiger mit dem Argument herauszureden versuchen, sein Opfer sei ein "leichtes Mädchen" und habe ihn herausgefordert. Immer noch lassen sich manche Richter von derartigen Schuldprojektionen beeindrucken. Es versteht sich von selbst, dass sich auch Therapeuten sehr kritisch-selbstkritisch mit vergleichbaren Äußerungen auseinandersetzen müssen.
[20] Mende, W.: Zur Kriminologie depressiver Verstimmungen, in: Nervenarzt, 38, 546,1967
[21] Kernberg, Otto F.: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus. Frankfurt (Suhrkamp), 1978
[22] Nace, Edgar P., James J. Saxon & Neal Shore: A Comparison of Borderline and Nonborderline Alcoholic Patients, in: Archives of General Psychiatry, Vol 40, Jan. 1983, p. 54-56; Kolb JE & Gunderson JG: Diagnosing borderline patients with a semistructured interview, in Archives of General Psychiatry, 1980,37, p. 37-41
[23] a.a.O.
[24] Hellman, Jesse M.: Alcohol Abuse and the Borderline Patient, in: Psychiatry, Vol. 44, Nov. 1981, p. 307-317
[25] Kernberg, Otto F., a.a.O., Seite 371
[26] Poldrugo, Flavio & Bruno Forti: Personality disorders and alcoholism treatment outcome, in: Drug and Alcohol Dependence, 21, 1988, 171-176
[27] ebenda
[28] ebenda

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