Borderline-Persönlichkeiten sind keine "halben Schizophrenen", d. h. ihr Realitätssinn ist weitgehend intakt. Dennoch erleben sie mitunter verrübergehende Störungen ihres Denkens, Fühlens und Wahrnehmens, die an schizophrene Zustände erinnern. Einige Betroffene erfahren gelegentlich auch Zustände der Bewusstseins- bzw. Persönlichkeitsspaltung.

Psychotische Episoden

Wenngleich die Realitätsprüfung bei Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen weitgehend intakt ist, sind dennoch teilweise erhebliche Denkstörungen für diesen Personenkreis charakteristisch.

Zanarini und Mitarbeiter [29] untersuchten kognitive Merkmale bei einer Stichprobe von Borderline-Patienten. 100 % der Patienten berichteten paranoide Erfahrungen (unangemessene Verdächtigungen, Beziehungsideen und andere wahnhafte Vorstellungen), 68 % neigten zu verschrobenem Denken wie übersteigertem Aberglauben und 62 % hatten ungewöhnliche Wahrnehmungen (wiederkehrende Illusionen, Depersonalisation, Derealisation). Kurzfristige psychotische Episoden mindestens einmal im Leben wurden bei 14 % der Borderline-Patienten festgestellt.

Begriffserklärung Psychose

Dissoziative Tendenzen

Obwohl echte multiple Persönlichkeiten selten sind, finden sich dissoziative Tenzenden bei vielen Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen, insbesondere bei den Borderliner-Persönlichkeiten.

Nach Deutsch[30] ist es diesen Patienten nicht gelungen, frühe, frühkindliche Identifizierungen mit Bezugspersonen zu einer einheitlichen Persönlichkeit zu integrieren.

Identitätsdiffusion

Bei echten multiplen Persönlichkeiten entwickeln sich voneinander unabhängige Selbstsysteme, die denselben Körper teilen. Sie sind vielfach sogar durch Erinnerungsblockaden (Amnesien) voneinander getrennt. Es kann immer nur ein Selbst aktiv sein. Das aktive Selbst ist zumeist amnestisch gegenüber den anderen Selbstsystemen; es kann aber auch mit einigen Pseudopersönlichkeiten ko-bewusst sein.

Bei weniger schwer gestörten Patienten ist das Bewusstsein der Multiplizität vorhanden, dennoch gelingt es den Patienten nicht, die verschiedenen Persönlichkeiten zu einem einheitlichen Selbst zu zusammenzufassen. Vielfach ist die Multiplizität sogar lustvoll (lustvoll) besetzt und bestätigt die eigene Grandiosität.

Irene Fast (1974) beschreibt Patienten, die zum Beispiel eine Vielzahl von Berufsidentitäten herausgebildet hatten. Ein Patient sah sich, jeweils für eine mehr oder weniger kurze Periode seines Lebens, als Psychoanalytiker, Musiker und mathematischer Zauberer. [31]

Begabten Menschen mit derartigen Störungen gelingt es mitunter, eine größere Zahl unterschiedlicher Professionen de facto zu erlernen und in ihnen erfolgreich zu sein.

Bei Soziopathen allerdings mit einer Neigung zur Multiplizität überwiegen Hochstapelei und Scharlatanerie. Sie haben keine Skrupel, mit falschen oder zweifelhaften Zertifikaten und Titeln zu operieren, wozu sie aufgrund ihrer Tendenz zum Schulversagen auch häufig gezwungen sind. Schulversagen wird als narzisstische Kränkung erlebt und durch Grandiosität kompensiert. (Die Lehrer waren schuld und nun zeige ich es ihnen auf meine Art. Das haben sie nun davon.)

Während jedoch Walter Mitty in der berühmten Short Story von James Thurber nur in seinen Träumen Kriegsheld, berühmter Chirurg und siegreicher Strafverteidiger zugleich ist, lebt der Soziopath seine Neigung in der Realität aus.  Deutsch [32] beschreibt diese Menschen als "Als-Ob-Persönlichkeiten", die sich als Fachleute unterschiedlichster Disziplinen ausgeben, obwohl ihre "Fachkenntnisse" über Allerwelts-Phrasen nicht hinausreichen. Die Neigung zu geistigem Diebstahl ist bei diesen Kranken in der Regel habituell. Echte, eigenständige Leistungen sind ihnen zumeist fremd; sie spielen Arbeit nur, um einen Ausdruck des Poeten Thomas Bernhard zu gebrauchen.

Die vorangestellte Differenzierung des Begriffs der schweren Persönlichkeitsstörungen kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben; zudem reflektiert sie eine spezifische, nämlich tiefenpsychologisch orientierte Sichtweise. Die Standard-Diagnose der "Borderline-Persönlichkeitsstörung" können Sie in den international gebräuchlichen Manualen ICD und DSM nachschlagen. Die Standard-Diagnosen sind "a-theoretisch"; es handelt sich also um Zusammenstellungen von Merkmalen, die häufig gemeinsam auftreten, also um "statistische Muster". Demgegenüber beruht der psychoanalytische Begriff der schweren Persönlichkeitsstörungen auf einer Theorie der Krankheitsursachen der charakteristischen Psychodynamik dieser Krankheiten.

[29] Zanarini, Mary C., John G. Gunderson & Frances R. Frankenburg: Cognitive Features of Borderline Personality Disorder, in: American Journal of Psychiatry, Januar 1990, p. 57-62
[30] Deutsch, H.: Some forms of emotional disturbance and their relationship to schizophrenia, in: Psychoanalytical Quarterly, 1942, 11, 301-321
[31] Fast, Irene: Multiple identities in borderline personality organization, in: British Journal of Medical Psychology, 1974,47,291-300
[32] a.a.O.

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