Menschen verbannen gesellschaftlich verpönte oder persönlich inakzeptable Impulse aus ihrem Bewusstsein. Dieser Prozess, den die Psychoanalyse als Abwehr bezeichnet, ist normal und schützt die psychische Stabilität. Ein Übermaß jedoch kann zu Konflikten mit der Umwelt und zur Vernachlässigung des persönlichen Wachstums führen.

Für die überwiegende Mehrheit der Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen dürfte der übermäßige, wenn nicht exzessive Einsatz primitiver Abwehrmechanismen charakteristisch sein.

Während Neurotiker u. U. problematische Impulse aus dem bewussten Ich zurückweisen, schützen schwer persönlichkeitsgestörte Menschen das Ich vor Konflikten, indem sie "widersprüchliche Erfahrungen des Selbst und bedeutsamer anderer Menschen getrennt voneinander halten." Auf diese Weise versuchen sie, die mit ihren Konflikten verbundene Angst zu beherrschen. Dies führt allerdings zu einer Schwächung der Ichfunktion.[34]

Kernberg [35] akzentuiert in seiner Analyse der Borderline-Persönlichkeit die folgenden primitiven Abwehrmechanismen:

  • Trennung äußerer Objekte in nur gute und nur böse;
  • abruptes Verschieben eines Objekts von der einen in die andere Kategorie;
  • extremes Schwanken zwischen widersprüchlichen Selbstkonzepten;
  • primitive Idealisierung (unrealistische, nur gute und mächtige Objektbilder);
  • projektive Identifizierung (Projektion ohne Verdrängung mit der Absicht, andere zu kontrollieren oder ihnen zu schaden);
  • Leugnung (der eigenen Widersprüchlichkeit);
  • Omnipotenz und Entwertung (aufgeblasenes Größenselbst in Verbindung mit abschätziger Bewertung von anderen).
    Aus eigener Erfahrung möchte ich hier noch einen weiteren Abwehrmechanismus hinzufügen, nämlich
  • das  Wüten gegen die Umwelt. (Dabei handelt es sich nach Rauchfleisch im Grunde um einen verzweifelten Kampf gegen sadistische Seiten des eigenen Überichs, "die projektiv in der Außenwelt wahrgenommen und dort agiert werden." [36] )

Begreift man mit Fingarette[37] Abwehrmechanismen als unbewusst ablaufende Prozesse der Selbsttäuschung, so können die genannten Abwehrmechanismen als "primitiv" gelten, weil sie nicht ein bereits entwickeltes, "rundes" Selbst vor inakzeptablem psychischen Material schützen sollen, sondern weil sie nur als Ausdruck und zugleich als Verstärker einer fundamentalen Identitätsdiffusion (Verschwommenheit des Selbstbildes) gedeutet werden können. Sie kennzeichnen ein niedriges Niveau der Persönlichkeitsorganisation. Die Nebelhaftigkeit der Selbst- und Fremdbilder macht die punktuelle Selbsttäuschung über spezifische Inhalte entbehrlich. Ein Mensch mit reifer Persönlichkeitsorganisation müsste u. U. einen aggressiven Impuls mit einem angeblichen oder tatsächlichen Vergehen des Menschen, gegen den sich die Aggression richtet, rationalisieren. Für eine Borderline-Persönlichkeit ist eine derartige Differenzierung entbehrlich, da sie ihr Opfer dämonisiert.

Die Therapie schwerer Persönlichkeitsstörungen muss den Patienten bewusst zu machen, dass sie primitive Abwehrmechanismen einsetzen und ihnen helfen, sie seltener zu gebrauchen.

Begriffserklärung: Abwehrmechanismen


[34] Kernberg, Otto F.: Schwere Persönlichkeitsstörungen. Theorie, Diagnose und Behand­lungsstrategien. Stuttgart (Klett-Cotta), 1988, Seite 32
[35] ebenda, Seite 33 ff.
[36] Rauchfleisch, Udo: Zur Entwicklung und Struktur des Überich bei dissozialen Persönlich­keiten, in: Battegay, Raymond (Hrsg.): Herausforderung und Begegnung in der Psychiatrie. Bern (Huber) 1981, Seite 223
[37] Fingarette, H.: Self-deception, London (Routledge & Kegan), 1977

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Definition

Agieren bedeutet das Ausleben unbewusster Phantasien und Gefühle. Der agierende Mensch erlebt sein durch die Vergangenheit gesteuertes Verhalten aber als aktuell und situationsbezogen. Er verkennt dessen Ursprung und Wiederholungscharakter.