Borderline-Persönlichkeiten neigen dazu, psychisch mit anderen zu verschmelzen. Sie reagieren mit Zorn, wenn sich die Objekte der Fusion der Verschmelzung entziehen wollen und eigene Wünsche und Gefühle entwickeln.

Primärprozesshafte Privatsprache

Die Neigung zu Fusionsbeziehungen ist insbesondere für die große Gruppe der narzisstischen schweren Persönlichkeitsstörungen kennzeichnend. Bei diesen Fusionen handelt es sich immer und ausschließlich um Zweierbeziehungen. Es gibt keine dritte Person. In dieser Beziehung zählt jedoch nur eine Person. "...einzig seine Wünsche und Bedürfnisse sind wichtig und müssen berücksichtigt werden; der andere Partner, der zwar als sehr mächtig empfunden wird, spielt nur insofern eine Rolle, als er willens ist, die Bedürfnisse und das Begehren des ersten Partners zu erfüllen, oder als er ihnen, im Gegenteil, die Befriedigung absichtlich versagt; seine sonstigen persönlichen Interessen, Bedürfnisse, Wünsche usw. existieren einfach nicht." [41]

In der narzisstischen Fusion verschwimmen die Grenzen zwischen "Ich" und "Du".

Balint bemerkt, dass die Erwachsenensprache "oft unbrauchbar und irreführend ist, wenn sie die Vorgänge auf dieser Ebene beschreiben will, da die Worte nicht mehr ihre konventionelle Bedeutung haben." [42] Nach meinen Beobachtungen kommuniziert der narzisstisch schwer Gestörte mit seinem Opfer bevorzugt in einer primärprozesshaften "Privatsprache" [43] [44] , ohne sich darum zu kümmern, ob sein Gegenüber ihn überhaupt verstehen kann. Da nämlich das Objekt der Fusion für den narzisstisch Gestörten seine selbständige Existenz verloren hat, büßt auch die Kommunikation mit ihm den Charakter der Zweiseitigkeit ein und wird zu einem inneren Monolog.

Jeder hinzutretende Dritte wird vom narzisstisch Gestörten als unerträgliches Spannungsmoment erfahren [45] ; daher neigt er dazu, das Objekt der Fusion von anderen fernzuhalten, es regelrecht zu verstecken.

Wie bereits erwähnt, bleiben dem narzisstisch Gestörten nur zwei Reaktionsmöglichkeiten, wenn sich sein Objekt aus der Fusion zu lösen versucht, nämlich dessen Vernichtung oder das Gefühl, von ihm wahnhaft verfolgt zu werden. Dabei ist der Verfolgungswahn natürlich als Projektion des Vernichtungswunsches zu deuten. Doch dies ist noch nicht die ganze Wahrheit. Da der schwer narzisstisch Gestörte zur Verdrängung nicht in der Lage ist, bleibt ihm der eigene Vernichtungswunsch bewusst. Es handelt sich bei der Projektion also genauer um die primitive Abwehrform der projektiven Identifizierung. Und so ist das ganze Verhalten des narzisstisch Gestörten darauf gerichtet, den sich aus der Fusion lösenden Partner zu provozieren, Verfolgungs- bzw. Vernichtungsphantasien gegen den narzisstisch Gestörten zu entwickeln. Dann nämlich erscheinen die eigenen Vernichtungswünsche gerechtfertigt.

Das gute Objekt

Der Begriff der Fusion erhellt auch den Bewertungsmaßstab, den der narzisstisch Gestörte an die Objekte seiner Umwelt anlegt. Er ist bemerkenswert schlicht: Gute Objekte sind jene, die sich in eine Fusion zwingen lassen; als böse aber werden jene Objekte erlebt, die eine Fusion verweigern oder bei denen umgekehrt die Fusion so weit geht, dass der narzisstisch Gestörte vom Ich-Verlust bedroht ist. [46]

Es zeigt sich also, dass primitive Abwehrmechanismen, Identitätsdiffusion und Fusionsneigung eng zusammenhängen. Es ist erstaunlich, dass Menschen, die sich auf diesem Funktionsniveau bewegen, mitunter durchaus arbeitsfähig, ja sogar beruflich sehr erfolgreich sind. Diesen Menschen ist es gelungen, sich "ökologische Nischen" zu schaffen, die ein Agieren auf diesem Funktionsniveau erlauben, vielleicht sogar verstärken. Diese Nischen werden vom narzisstisch Gestörten als Teil des eigenen Selbst erlebt. Und so sind die sozialen Strukturen dieser "ökologischen Nischen" auch als Resultat oder Externalisierung der Psychopathologie einer dominierenden, narzisstisch gestörten Persönlichkeit zu begreifen. Nicht selten sind solche ökologischen Nischen kleinere Organisationen, die nicht der Kontrolle durch einen Markt unterworfen sind. Dabei kann es sich z. B. um gemeinnützige Einrichtungen handeln, die direkt oder indirekt vom Staat finanziert werden.

Die Therapie schwerer Persönlichkeitsstörungen muss den Patienten helfen, ihre Neigung zur Fusion zu überwinden. Damit kann unter Umständen die Notwendigkeit verbunden sein, die "ökologische Nische" so umzustrukturieren, dass sie die Fusionsneigung nicht mehr verstärken kann.


[41] Balint, Michael: Therapeutische Aspekte der Regression.Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1973
[42] ebenda, Seite 26
[43] vgl. hierzu auch Hoffmann, S.O. & G. Hochapfel: Einführung in die Neurosenlehre und Psychosomatische Medizin. Stuttgart (Schattauer), 1991, Seite 140
[44] Hiermit wird keineswegs behauptet, dass ein Hervortreten des Primärprozesses (Primärvorgangs) immer pathologisch sei: "Die psychoanalytische Lireratur, die sich mit schöpferischem Denken, wissenschaftlichen Entdeckungen und künstlerischen Erfahrungen beschäftigt, ist voll von Beispielen, dass neue Erkenntnisse und echte Fortschritte auf eine seelische Aktivität zurückgingen, die durch einen hohen Beweglichkeitsgrad der Besetzungsenergie seelischer Repräsentanzen gekennzeichnet war. Spielerische Tätigkeit, die Freude an Kunst und psychoanalytische Therapie sind weitere Beispiele für Aktivitäten, bei denen der Primärvorgang für eine angepaßte Aktivität kennzeichnend sein kann." (Arlow, Jacob A. & Charles Brenner: Grundbegriffe der Psychoanalyse. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1976, Seite 80).
Eindeutig pathologisch ist aber eine vom Primärprozess dominierte "Kommunikation", wenn diese der Etablierung und Aufrechterhaltung einer ausbeuterisch-narzisstischen Fusion dient. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Fusion dem narzisstisch Gestörten das Gefühl einer kreativen Grandiosität, eines göttlichen Schöpfertums verleiht, wie dies vor allem in ausbeuterischen Arbeitsbeziehungen mitunter der Fall sein kann. In diesen Fällen wird der narzisstisch Gestörte die kreative Leistung des Opfers der Fusion als die eigene erleben, da für ihn das Objekt der Fusion ja seine selbständige Existenz verloren hat. Dennoch ist hier nicht der Primärprozeß des narzisstisch Gestörten das befruchtende, schöpferische Element, sondern vielmehr ein Hemmschuh der Kreativität des Opfers.
[45] Balint, a.a.O.
[46] vgl. Battegay, Raymond: Die Hungerkrankheiten. Frankfurt am Main (Fischer) 1989

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