Der Therapeut muss in der Therapie schwerer Persönlichkeitsstörungen als Übergangsobjekt fungieren. Das Selbst entsteht durch Verinnerlichung externer Objekte, also i. d. R. der Eltern. Dies ist den Borderline-Persönlichkeiten nicht gelungen. Der Therapeut muss ihnen helfen, diese Entwicklungsaufgabe nachzuholen.

Rolle des Therapeuten

Man kann die Rolle des Therapeuten bei schwer persönlichkeitsgestörten Patienten auch als die eines Übergangsobjekts (transitional object) deuten. Bei präödipal gestörten Menschen waren die Eltern-Objekte nicht "gut genug", um jene Phasen der frühkindlichen Entwicklung zu "überleben", in denen die Selbst-Struktur durch Objekt-Internalisierung geformt wird. Um als Übergangsobjekt fungieren zu können, muss der Therapeut die infantile Wut der Patienten "überleben" und die aggressiven Attacken aushalten. Der Therapeut muss also die infantile Wut tolerieren, ohne der Versuchung zu erliegen, es dem Patienten heimzuzahlen oder sich von ihm zu trennen. Auf diese Weise kann er dem Patienten helfen, versäumte Entwicklungsaufgaben nachzuholen, d.h. er wird zum Übergangsobjekt. Wie einfühlsame Eltern muss er die Bedürfnisse und Ängste hinter der Wut des Patienten in eine verständliche Sprache übersetzen. Der Therapeut muss dem Patienten helfen, seinen fortwährenden unbewussten Kampf gegen das "böse Objekt" in einen lebendigen Affekt zu "konvertieren". Dann kann ein Trauerprozess einsetzen, der für das nachzuholende psychische Wachstum unerlässlich ist. [79]

"Präödipal traumatisierte Patienten brauchen einen Dialog mit einem externen Objekt, um die Bewusstheit eines guten Objekts aufrecht zu erhalten, damit die schmerzlichen Aspekte von Schuld und Verlust, oft als vernichtendes Bedauern gefühlt, ertragen werden können. Da solche Charaktere kein ganzes Objekt sicher verinnerlicht haben, brauchen sie ein externes Objekt, das als Übergangsobjekt fungiert, um einen Dialog zuzulassen, der zum Trauern führt." ( "Preoedipally traumatized patients need a dialogue with an external object to sustain awareness of the good object experience so that the painful aspect of guilt and loss, often felt as devastating regret, can be tolerated. Since such characters have not securely internalized a whole object, they need an external object acting as a trasitional object to allow the dialogue that leads to mourning to evolve.") [80]

Ohne diesen Trauer-Prozess kann der Patient den Zwang nicht überwinden, infantile "böse Objekte" zu externalisieren und zu bekämpfen. Beim psychisch "gesunden" Menschen wird der zur Aufrechterhaltung der psychischen Gesundheit lebenslang notwendige Trauer-Prozeß durch innere Dialoge zwischen den psychischen Instanzen ausgelöst. [81] Der schwer persönlichkeitsgestörte Mensch benötigt hierzu den Analytiker als Dialogpartner. Doch ohne Trauer gibt es keine Überwindung von Grandiosität und Spaltung.

Der hier geforderte innere Dialog beruht unter anderem auch auf der Fähigkeit, bei sich selbst und anderen unterschiedliche psychische Zustände zu unterscheiden und zu benennen. Die Wahrnehmung fremder innerer Zustände kann sich nur im Wechselspiel mit der Wahrnehmung eigener innerer Zustände entwickeln und umgekehrt. Es bedarf kaum der Erwähnung, dass die Qualität der Mutter-Kind-Zweierbeziehung für die Entwicklung dieser Wahrnehmungsfähigkeit entscheidend ist.


[79] Meine Ausführungen zum Übergangsobjekt beruhen auf Gedanken Winnicotts und wurden referiert von Susan Kavaler-Adler in: Object Relations Issues in the Treatment of the Preoedipal Character. The American Journal of Psychoanalysis, Vol. 53,1,p.19-35,1993
[80] ebenda, p.20
[81] Selbst der Psychoanalyse wohlgesonnene Fachleute haben mitunter Schwierigkeiten, die Realität  interner Dialoge zwischen psychischen Instanzen zu akzeptieren, da sie an - scheinbar veraltete - Homunkulus-Vorstellungen der menschlichen Psyche erinnern. Dank der Erkenntnisse neuester neurophysiologischer Forschungen können diese angeblich veralteten Vorstellungen heute als rehabilitiert betrachtet werden. Der menschliche Geist ist modular organisiert und die meisten Module besitzen eine relative Autonomie. Dies schließt eigene Intentionen ein. Die Module kommunizieren - meist "unbewusst" - miteinander, um die Koordination ihrer Aktivitäten "auszuhandeln"; mitunter konkurrieren sie auch gegeneinander. Dies wird Konflikt genannt. (Vgl. Ornstein, R.: Multimind. Paderborn (Junfermann) 1990. Die an neurophysiologischen Theorien und Fakten orientierte Vorstellung von "little minds" bestätigt nicht nur Freuds Einsichten in die Natur des "psychischen Apparats"; sie ermöglicht auch eine Psychologie der Innenwelt ohne pseudo-scientistische Verrenkungen.

Inhalt

Randbemerkungen zur psychotherapeutischen Methode


Mein Service

Beratung für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und deren Angehörige via eMail oder Telefon