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Die Dialektische Verhaltenstherapie (dialectical behavior therapy) ist das bekannteste und wohl auch ausgereifteste nicht-analytische Verfahren zur Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Die kognitiv-behavioralen Verfahren stellen bei der Behandlung schwer persönlichkeitsgestörter Menschen - anders als bei anderen psychischen Erkrankungen - keine Alternative zur psychoanalytischen Therapie, sondern in vielen Fällen eine notwendige Ergänzung dar. Dies liegt unter anderem daran, dass die für diesen Patientenkreis charakteristische Tendenz zum Agieren Verhaltensmuster mit höchstem Verstärkerwert etabliert - und dies vor allem dann, wenn es dem Erkrankten gelungen ist, sich eine seiner pathologischen Persönlichkeitsorganisation entsprechende ökologische Nische zu schaffen. Derartige Verhaltensmuster können eine Eigendynamik gewinnen, die ein direktes, direktives Vorgehen erforderlich macht. [107]
Verhaltenstherapeutische Maßnahmen allein, ohne zusätzliche psychoanalytische Behandlung, würden andererseits in vielen Fällen zu einer Perfektionierung der pathologischen Handlungsstrukturen führen, da die Grundstörung nicht angetastet wird. Es müsste damit gerechnet werden, dass die Patienten während der Therapiestunden eine fassadäre pseudo-gesunde Als-ob-Persönlichkeit entwickeln, außerhalb der Behandlung aber weiterhin pathologisch agieren. Daher scheint eine Kombination psychoanalytischer und kognitiv-behavioraler Verfahren das Mittel der Wahl zu sein. Ein ausgezeichneter Überblick zum Einsatz kognitiv-behavioraler Verfahren im Rahmen psychoanalytischer Therapie schwerer Persönlichkeitsstörungen findet sich bei Westen. [108]
Pars pro toto möchte ich mich im folgenden auf den Ansatz von Linehan konzentrieren, der im Grunde den "common final pathway" dieser Methoden-Familie markiert:
Linehan hat eine Kognitiv-behaviorale Therapie speziell für Menschen mit Borderline-Syndrom entwickelt. [109] Ihre "Dialektische Verhaltenstherapie" (dialectical behavior therapy) ruht auf der theoretischen Voraussetzung, dass Borderline-Persönlichkeiten durch drei zentrale Dichotomien gekennzeichnet sind:
ad 1: Borderline-Patienten neigen einerseits zum hypersensiblen Reagieren auf winzigsten Anzeichen möglicher Kränkungen, anderseits zum Entwerten dieser hypersensiblen Reaktionen.
ad 2: Borderline-Patienten verhalten sich in komplizierten Situationen extem hilflos, erwecken ansonsten aber den Eindruck von Kompetenz.
ad 3: Kleinste Hinweise auf mögliche Bedrohungen können Borderline-Patienten in schreckliche Krisenstimmungen versetzen. Doch wenn diese Stimmung einmal verraucht ist, verhalten sie sich, als sei überhaupt nichts geschehen. Sie sind nicht in der Lage, ihrem Groll über die Bedrohung Ausdruck zu verleihen. (Im übrigen ist dies ein Reaktionsmuster, das für die Opfer sexuellen Mißbrauchs und/oder körperlicher Mißhandlung charakteristisch ist.)
Diesen drei zentralen Dichotomien entsprechen drei Behandlungsstrategien:
ad 1: Diese Strategie zielt auf die erste Dichotomie und impliziert ein empathisches Einfühlen in die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung des Patieten.
ad 2: Diese Strategie bezieht sich auf die zweite zentrale Dichotomie und die damit verbundene Tendenz zum Agieren. Der Therapeut muss vermeiden, dass Agieren durch zuviel Aufmerksamkeit zu verstärken. Er ist gehalten, damit "geschäftsmäßig" umzugehen. Wenn sich zum Beispiel ein Patient selbst verletzt, so muss das Pflegepersonal sicherstellen, dass die Verletzung angemessen behandelt wird, ohne die Ursachen dieses Verhaltens zu diskutieren, was dem Patienten einen sekundären Krankheitsgewinn verschaffen würde.
ad 3: Diese Strategie soll den Patienten helfen, sinnvolle Handlungsalternativen zum Ausagieren zu entwickeln. Eine mögliche Methode besteht zum Beispiel darin, die Patienten anzuleiten, sich ihre inneren Monologe in Krisensituationen bewusst zu machen, da diese inneren Monologe ihre Gefühle modulieren.
Das Behandlungsprogramm dauert ein Jahr. Einmal wöchentlich findet eine Einzeltherapie-Sitzung und zweimal wöchentlich Gruppentherapie statt.
Die Behandlung ist in 16-wöchige "Module" aufgeteilt. "Diese Module legen großen Wert auf Lernerfahrungen durch formale Instruktion, Modelle, kognitive und verhaltensmäßige Wiederholung, kognitive Umstrukturierung, zwischenmenschliche Rückmeldung, Verstärkung und Hausaufgaben. Jede Sitzung hat ein besonderes Ziel und einen bestimmten Brennpunkt." ("These modules place a heavy emphasis on experiential learning through formal instruction, modeling, behavioral and cognitive rehearsal, cognitive restructering, interpersonal feedback, reinforcement, and homework assignment. Each session has a specific focus and goal.") [110]
Im "Modul" zur Entwicklung der Stress-Toleranz zum Beispiel lernen die Patienten, sich selbst durch postive "statements" zu verstärken, ihre Aufmerksamkeit von Stresssituationen abzulenken, statt dessen langfristige Ziele in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, sich auf die positiven Aspekte negativer Situationen zu konzentrieren, den Sinn ihres Leidens zu erkennen, das Leiden als Teil des Lebens zu akzeptieren, zu meditieren, Katastrophen-Gedanken zu reduzieren und auf Vermeidungsverhalten zu verzichten.
Das Behandlungsmanual enthält differenzierte therapeutische Prinzipien für typische Behandlungs-Situationen. "Krisen-Sitzungen" soll der Therapeut zum Beispiel wie folgt bewältigen: Achte mehr auf den Affekt als auf den Inhalt - erforsche das Problem sofort - konzentriere dich auf die Zeit seit dem letzten therapeutischen Kontakt - versuche Schlüsselereignisse zu identifizieren, die die momentane emotionale Reaktion ausgelöst haben - formuliere gemeinsam mit dem Patienten die Problemsituation und fasse sie zusammen - rücke die Problemlösung in den Brennpunkt - gib Ratschläge und unterbreite direkte Vorschläge - sage die Konsequenzen möglicher Handlungsalternativen vorher - konfrontiere den Patienten mit seinen Gedanken bzw. seinem Verhalten - identifiziere die Faktoren, die konstruktive Handlungspläne beeinträchtigen - fokussiere die Affekt-Toleranz - schätze die Suizid-Gefahr ein - usw. [111]
Zusammengefasst stellt die Dialektische Verhaltenstherapie eine hochstrukturierte, direktive Behandlungsform dar, die den Patienten Problemlösungsstrategien, Fähigkeiten im zwischenmenschlichen Umgang und Methoden der Gefühlskontrolle vermittelt sowie ihre Stresstoleranz steigert. Eine Kombination dieses Verfahrens mit psychoanalytisch orientierter Psychotherapie dürfte weitgehend problemlos möglich sein. Hier ergeben sich sicher zahlreiche Berührungspunkte, die therapeutisch sinnvoll genutzt werden können. Man denke zum Beispiel an die Verbalisierung gefühlsbezogener innerer Monologe, die einerseits integraler Bestandteil der Dialektischen Verhaltenstherapie ist und andererseits Material ans Licht bringt, dass sinnvoll in die psychoanalytische Behandlung einbezogen werden kann.
Beratung für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und deren Angehörige via eMail oder Telefon
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