Eine kurze Einführung in das Thema "Borderline" findet sich in meinem "Lexikon der psychischen Störungen".
Diskutieren Sie mit den Lesern dieser Web Site und Dr. Hans Ulrich Gresch über Themen der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychopathologie im neuen Psycho-Forum.
Die einzelnen Kapitel dieses Textes bauen aufeinander auf; sie sollten also in der vorgegebenen Reihenfolge gelesen werden.
Borderliner: Ihre Welt ist entweder schwarz oder weiß, ohne Grautöne. Was gestern glorifiziert wurde, wird morgen verteufelt. Ihre Beziehungen sind heiß und schnell wieder kalt. Nicht selten gefährden sie sich und andere durch verantwortungsloses Verhalten.
Die ursprüngliche Fassung des Textes zur stationären Therapie
des Borderline-Syndroms und anderer schwerer Persönlichkeitsstörungen
kann auch als pdf-Datei heruntergeladen werden.
In dieser Fassung werden die englischen Zitate nicht übersetzt. Ansonsten ist sie unverändert.
Dieser Bericht setzt sich mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung und ihrer Therapie vor allem aus psychoanalytischer Sicht auseinander. Dabei beschränke ich mich allerdings nicht auf psychoanalytische Behandlungsansätze. Vielmehr plädiere ich für die Integration unterschiedlicher Methoden im Rahmen einer tiefenpsychologisch orientierten Therapeutischen Gemeinschaft.
Ich betrachte die Borderline-Störung als "Hunger-Krankheit", als Krankheit des Mangels. Die wohlbegründete Einschätzung, die Lebensbedingungen in unserer modernen Zivilisation, also in den sogenannten Wohlstandsgesellschaften begünstigten die Entwicklung dieser schweren Persönlichkeitsstörung, widerspricht nur scheinbar diesem Urteil.
Denn auch oder gerade in den "Wohlstandsgesellschaften" leiden Menschen Hunger. In ihnen kann der Hunger nach Kontakt, liebender Zuwendung und Stimulation so nachhaltig frustriert werden, dass eine mitunter lebenslange Störung im Bereich der Aggression entsteht.
Der ungestillte Hunger nach Zuwendung und liebendem
Kontakt erzeugt Wut und Hass. Diese negativen Affekte können sich dermaßen steigern, dass eine differenzierte Einstellung zu den Objekten und Menschen in der Umwelt unmöglich wird. Stattdessen entwickelt sich eine Schwarz-Weiß-Sicht, deren Konsequenzen dann wieder die Wut, den Hass, die Frustrationen verstärken: ein Teufelskreis.
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Die erste Fassung dieses Artikels stammt aus dem Jahr 1993. Ich schrieb sie im Auftrag einer bundesweit tätigen Suchthilfe-Organisation, die damit auf die steigende Zahl von Borderline-Persönlichkeiten unter den Suchtkranken reagieren wollte.
Ich habe den Text seither fachlich nicht grundlegend überarbeitet, und so spiegelt er weitgehend meine damalige Auffassung wider. In dieser Zeit hielt ich nicht-psychoanalytische Therapien der Borderline-Störung nur als Ergänzung zur Psychoanalyse für sinnvoll.
Dies sehe ich heute anders. Die Ergebnisse der empirischen Psychotherapieforschung zeigen, dass die Psychoanalyse generell keine Vorrangsstellung unter den psychotherapeutischen Verfahren beanspruchen kann.
Im Kern aber halte ich meine Ausführungen auch heute noch für zutreffend. Wer sich für die psychoanalytische Sichtweise der Borderline-Persönlichkeitsstörung interessiert, kann diesem Text die nach wie vor wesentlichen Gesichtspunkte entnehmen.
Als ich diesen Text vor vielen Jahren schrieb, war ich noch sehr stark dem medizinischen Modell der Psychotherapie verhaftet. Dieses Modell ist eine schlechte Karrikatur des Verhältnisses zwischen Psychotherapeut und Patient bzw. Klient. Es tendiert dazu, den Therapeuten als allwissenden und allmächtigen Heroen und den Patienten bzw. Klienten als unwissendes und ungezogenes Monster zu skizzieren.
In dieser Version des Textes habe ich mich bemüht, die verzerrte Sichtweise des medizinischen Modells abzumildern. Dies ist mir nur teilweise gelungen, weil dazu eine grundlegende Überarbeitung der fachlichen Ausrichtung erforderlich wäre. Dies kann ich im Augenblick aus zeitlichen Gründen nicht leisten. Dafür möchte ich mich bei allen Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen entschuldigen. Sobald es meine Zeit erlaubt, werde ich einen Text über schwere Persönlichkeitsstörungen schreiben, der meiner heutigen, und wie ich hoffe weniger arroganten Sichtweise entspricht.
Das Borderline-Syndrom ist nicht nur eine Störung, sondern ein Versuch der Selbstverwirklichung, ein Lebensstil, der ebenso wenig frei gewählt ist wie jede ander Art des In-der-Welt-Seins. Dies sollte Nicht-Borderliner zu einem respektvollen Umgang mit Borderlinern veranlassen, auch wenn das mitunter schwer fällt.