
Die erste Pflicht der Musensöhne
ist, dass man sich ans Bier gewöhne.
(Wilhelm Busch, 1832-1908, deutscher Dichter und Maler)
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Schon als Teenager trank Jack London harte Männer unter den Tisch. Als junger Schriftsteller versuchte er, seinen Alkoholkonsum zu kontrollieren. Seine Methode bestand darin, nicht mit dem Trinken zu beginnen, bevor er 1000 Wörter geschrieben hatte. Schnell lernte er, dieses Ziel bereits vor dem Mittagessen zu erreichen. Dann belohnte er sich mit ein paar harten Drinks, die er "pleasant jingle" (angenehmes Geklimper) nannte und schrieb weiter. Nach weiteren 1000 Wörtern hatte er sich noch vor dem Abendessen wieder ein "pleasant jingle" verdient.
Ernest Hemingway war ebenso trinkfest wie manche seiner Romanfiguren: Bereits zum Frühstück kippte er ein paar Gläser Gin, dann folgten Absynth, Wodka und fünf bis sechs Flaschen Wein pro Tag. Dabei konnte er halbwegs nüchtern wirken, obwohl er sturzbetrunken war.
1932 feuerte das Dabney Oil Syndicate seinen Vizepräsidenten Raymond Chandler wegen Trunksucht und häufiger Fehlzeiten. Chandler sah nur noch eine Möglichkeit, Beruf und Alkoholismus miteinander zu verbinden: Er wurde Kriminalschriftsteller.
Man muss nicht lange überlegen, um weitere Namen berühmter, suchtkranker Autoren aus dem Ärmel zu schütteln: Joseph Roth, Hans Fallada, Joachim Ringelnatz, Ernst Herhaus, William Faulkner, Eugene O'Neill, John O'Hara, Charles Bukowsky, William Burroughs, Scott Fitzgerald, Hart Crane, Truman Capote, Jean Stafford, Edgar Allan Poe und viele andere Schluckspechte der Weltliteratur.
Offenbar besitzen Drogen Eigenschaften, die gerade Schriftsteller faszinieren:
Der Zusammenhang zwischen Kreativität und Drogen ist empirisch
kaum erforscht. Manche Künstler waren und sind davon überzeugt,
daß Alkohol und andere Drogen ihre schöpferische Kraft verstärken
und ihnen jene Intensität des Lebens vermitteln, die sie zum Gelingen
ihrer Werke unbedingt benötigen. Es wäre zu einfach, diesen
Künstlern Selbstbetrug oder gar eine Lebenslüge zu unterstellen.
Es mag durchaus sein, daß Alkohol und andere Drogen zu Beginn
einer schriftstellerischen und süchtigen Karriere ein kreatives
Feuerwerk entfachen. Einige Autoren wie Jack London bauen den Rauschmittelkonsum
als Belohnung in ihren Arbeitsprozess ein, so dass er - durchaus auch
im Sinn der Lerntheorie - zu einem Verstärker der literarischen
Produktion wird.
Langfristig allerdings dürfte sich der Konsum von Alkohol und anderen
Drogen schädigend auf die Kreativität des Schriftstellers
auswirken. Der vergleichsweise frühe Abbau der künstlerischen
Leistungsfähigkeit von Autoren wie Faulkner, Fitzgerald und Hemingway
ist vermutlich auf den chronischen Alkoholmissbrauch dieser Autoren
zurückzuführen. Für diese Hypothese gibt es jedoch keine
schlüssigen Beweise.
Mit Sicherheit durch Alkoholismus (mit-)verursacht waren jene Krankheiten, unter denen der depressive Säufer und Nobelpreisträger Ernest Hemingway litt, als er sich im Alter von 62 Jahren mit einer großkalibrigen, doppelläufigen Schrotflinte die Schädeldecke wegsprengte: Bluthochdruck, Nieren- und Lebererkrankungen, Ödeme an den Knöcheln, Blutharnen, Diabetes, häufige Muskelkrämpfe, chronische Schlaflosigkeit und Impotenz.
Der Alkohol verkürze zwar das Leben, schrieb Joseph Roth an Stefan
Zweig, aber er verhindere den unmittelbaren Tod. "Ich versetze
gewissermaßen die letzten 20 Jahre meines Lebens beim Alkohol,
weil ich noch 7 oder 14 Tage Leben mir gewinnen muss. Freilich kommt
dann, um beim Bilde zu bleiben, plötzlich ein Punkt, wo der Wucherer
vor der Zeit über einen herfällt."
1939 starb Roth 44jährig in einem Pariser Armenhospital am Delirium
tremens und einer Lungenentzündung.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Fachzeitschrift "drogen-report", heute umbenannt in "Konturen".
Alkohol - das unbekannte Rauschgift



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