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Vor seinen Mitmenschen auf der Hut zu sein, ist klug. Denn nicht alle sind uns wohlgesonnen. Wir leben in einer gefährlichen Welt - und die größte Gefahr für den Menschen ist der Mensch. Doch das Leben wäre unerträglich, wenn wir nicht auch Vertrauen entwickeln könnten.
Menschen fürchten sich - oft aus gutem Grund - vor Menschen. "Der Mensch ist des Menschen Wolf", hieß es schon in der Antike. Das Ausmaß von Feindseligkeit und Furcht zwischen Menschen ist natürlich von den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen abhängig.
Doch die völlige Harmonie ist auch unter günstigsten Bedingungen nicht sehr wahrscheinlich. In unserer unvollkommenen Welt werden Menschen einander wohl immer wieder das Fürchten lehren.
Der Mehrheit kann mit der Angst vor Menschen leben. Grölt nachts in der U-Bahn-Station ein betrunkener Rabauke, so ist dies wohl den meisten Menschen nicht geheuer. Sie schlagen einen großen Bogen um den Störenfried, aber sie ergreifen nicht die Flucht. Wer wäre frei von Angst in einer Prüfung, bei einem Bewerbungsgespräch oder vor einem öffentlichen Auftritt? Aber die meisten Menschen können sich "zusammenreißen".
Manche Menschen quält die Angst vor anderen Menschen allerdings so sehr, dass sie die Kontrolle über sich verlieren. Sie fürchten sich in Situationen, in denen keine Anzeichen realer Gefahr gegenwärtig sind. Die Wissenschaft bezeichnet sie als Soziale Phobiker. Ihre Angst bezieht sich nicht auf eine reale Bedrohung ihrer körperlichen oder sozialen Existenz. Sie fürchten vielmehr die negative Bewertung durch andere. Eine derartige Bewertung führt bei ihnen automatisch zu Gefühlen der Minderwertigkeit, Erniedrigung und Depression.
Diese Gefühle stellen sich bereits ein, wenn der Betroffene eine Abwertung seiner Person auch nur erwartet. Und er rechnet häufig damit, wenn ihm Menschen begegnen. Soziale Phobiker erleben emotionalen Stress typischerweise in Situationen wie den folgenden: Sie werden anderen Leuten vorgestellt; sie werden kritisiert; sie befinden sich im Zentrum der Aufmerksamkeit; sie werden bei einer Tätigkeit beobachtet; sie treffen mit Autoritätspersonen zusammen. Diese Liste könnte beliebig durch Situationen verlängert werden, in denen Bewertungen eine Rolle spielen. In solchen Situationen reagieren Soziale Phobiker mit intensiver, oft unerträglicher Angst. Herzrasen, heftiges Schwitzen und eine trockene Kehle sind häufige Begleiterscheinungen. Viele erröten und/oder fürchten sich davor.
Die Betroffenen wissen, dass ihre Ängste irrational sind. Dennoch gelingt es ihnen nicht, sie zu bezwingen. Selbstabwertende Gedanken und quälende Gefühle treten bei diesen Menschen in sozialen Situationen automatisch auf. Sie führen dann in vielen Fällen auch zu unangemessenem Verhalten. Dies ist den Betroffenen bewusst und verstärkt ihre Furcht vor negativer Bewertung durch andere: Ein Teufelskreis. Es versteht sich von selbst, dass Menschen mit Sozialer Phobie soziale Situationen zu vermeiden versuchen. Dies führt im schlimmsten Fall zu weitgehender sozialer Isolation und Vereinsamung.
Die Betroffenen sind nicht selten suchtgefährdet oder abhängig. Alkohol oder Drogen sollen die Angst betäuben oder die Einsamkeit erträglich machen. In einer amerikanischen Untersuchung zeigte sich, dass 14 % der befragten männlichen Alkoholiker und Kokainmissbraucher bereits vor Beginn ihrer Sucht unter einer Sozialen Phobie litten. Bei den weiblichen Abhängigen waren es 10 %. Unter Nicht-Süchtigen treten Soziale Phobien demgegenüber bei Frauen 1,5mal häufiger auf als bei Männern. Ca. 3 % der Menschen in Industrienationen leiden unter Sozialen Phobien.
Die soziale Phobie ist eine schwere, oft chronische Erkrankung, die unermessliches Leid verursachen kann. Aber es gibt Hoffnung durch angemessene Therapie. Besonders die sog. "Kognitive Verhaltenstherapie (Cognitive-Behavioral Therapy)" hat sich als erfolgreich erwiesen. In dieser Therapie wird versucht, den Teufelskreis automatischer Gefühle und Gedanken zu durchbrechen. Dazu werden den Betroffenen einfache Techniken beigebracht, die sie immer und immer wieder im alltäglichen Leben üben müssen. Übung macht den Meister - nicht nur im Handwerk. Auch die Angst läßt sich durch Übung meistern.
Der Autor dieses Beitrags, der Diplom-Psychologe Dr. Hans Ulrich Gresch berät Menschen mit sozialer Phobie sowie deren Angehörige online via eMail, Telefon oder Bildtelefon (Skype)
Nähere Informationen finden Sie hier.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Fachzeitschrift "drogen-report", heute umbenannt in "Konturen".
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