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Die Sucht ist eine mächtige Kraft, die mit Hypnose allein nicht bezwungen werden kann. Doch als ergänzende Maßnahme zur Suchttherapie kann die Hypnose eine wichtige Hilfe sein, um die Motivation der Süchtigen zu stärken und Zukunftsängste zu mildern.
Oft fehlt ihnen eine angemessene Ausbildung. Aber sie strotzen vor Selbstbewusstsein: Freischaffende Hypnotiseure, sog. Hypnotherapeuten. Sie inserieren in Zeitungen, Zeitschriften und neuerdings im Internet. Und sie reklamieren atemberaubende Erfolgsquoten für sich: Mindestens 60 bis 70 Prozent der von ihnen behandelten Raucher, Übergewichtigen, ja sogar der Alkoholiker würden dauerhaft geheilt. So reist zum Beispiel ein Hypnotherapeut durchs Land in veranstaltet in schummrigen Hinterzimmern von Gasthöfen "Live-Seminare" für Menschen, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen. Nach einer einzigen Gruppensitzung von zwei Stunden Dauer, so behauptet der Turbo-Hypnotiseur, habe man es geschafft und sei Nichtraucher.
Wissenschaftliche Beweise für derartige Wunderheilungen gibt es freilich keine. Dies trübt das Sendungsbewusstsein dieser smarten Geschäftsleute, die selbstverständlich keine Ärzte oder Psychologen sind, jedoch nicht im geringsten. Varieté-Spektakel und alternativmedizinische Scharlatane haben die Hypnose in Misskredit gebracht. Zu unrecht. Als alleinige Methode zur Suchtbehandlung kann sie beim gegenwärtigen Stand der Forschung zwar nicht empfohlen werden. Aber im Zusammenspiel mit anderen Verfahren hat sie sich durchaus in der Praxis bewährt.
Mit ihrer Hilfe kann ein erfahrener, qualifizierter Hypnosetherapeut die Motivation des Süchtigen zur Selbstveränderung steigern. Mit Hypnose kann er dem Abhängigen helfen, vergessene, brachliegende Ressourcen zu aktivieren, sich wieder seiner Stärken bewusst zu werden. Und die Hypnose kann den Suchtkranken dabei unterstützen, den für ihn angemessenen, einzigartigen Weg aus der Abhängigkeit zu entdecken.
Der amerikanische Psychologe und Suchtberater Dr. Steve K. Dubrow-Eichel arbeitet seit vielen Jahren hypnosetherapeutisch mit Abhängigen. Die überwiegende Mehrzahl seiner Klienten befindet sich in der Experimentierphase des Drogengebrauchs, in der Phase des sozialen Drogenkonsums ohne Kontrollverlust. Bei diesen Klienten setzt Dubrow-Eichel die Hypnose in der Regel zur Ich-Stärkung, zur Verbesserung von Stressbewältigungs- und Entscheidungstechniken sowie zur Förderung der Selbstbehauptung ein. Der Hynotherapeut ermutigt seine Klienten, eine zukunftsorientierte Perspektive einzunehmen. Er arbeitet häufig mit dem Mittel der Altersprogression. Die Patienten werden durch hypnotisch angeregte Phantasien in spätere Lebensabschnitte, in zukünftige Situationen mit und ohne Drogenkonsum versetzt. Und Dubrow-Eichel ermutigt die meist jungen Menschen, einen "Inneren Ratgeber" zu entwickeln.
Häufig behandelt Dubrow-Eichel jedoch auch Klienten, die bereits die Experimentierphase hinter sich gelassen haben, bei denen die Stimmungsveränderung durch Drogen zur Gewohnheit geworden ist. Im Zentrum der Hypnosetherapie mit diesen Klienten stehen die Ich-Stärkung, die Selbstberuhigung und die vorsichtigen Konfliktprovokation durch Altersprogressionen. Viele dieser Betroffenen wurden in Kindheit und Jugend schwerst traumatisiert. Sie leiden unter blitzartig auftauchenden Erinnerungen an Misshandlungen und Mißbrauch. Sie sind aber nicht in der Lage, diese "Flashbacks" psychisch zu verarbeiten. Sie werden durch sie erneut traumatisiert.
Gerade für diese Klienten ist die Hypnose ein hervorragend geeignetes psychotherapeutisches Verfahren. Denn traumatisierte Menschen haben in der Regel Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu modulieren (abzuschwächen oder zu verstärken). Die Hypnose kann ihnen Strategien zur Selbstberuhigung vermitteln und andere Erfahrungen der Selbstberuhigung - wie z. B. Musikhören, Schwimmen, Radfahren - intensivieren.
Die schwerst suchtkranken, langjährig abhängigen Klienten stellen die größte Herausforderung in der Hypnosetherapie dar. Diese Klienten haben verlernt, ohne Drogen und drogenbezogenes Verhalten ihr psychisches Gleichgewicht zu wahren. In der Hypnosetherapie dieser Klienten steht der "innere Krieg" zwischen süchtigen und nicht-süchtigen Ich-Zuständen im Brennpunkt. Versuche zur direkten hypnotischen Beeinflussung sind bei diesen Betroffenen nicht erfolgversprechend. Es geht vielmehr darum, durch indirekte Suggestionen die Hoffnung auf ein drogenfreies Leben und ein Herauswachsen aus der Sucht zu fördern. Wenn möglich, sollte der Therapeut mit den nicht-süchtigen Ich-Zuständen kommunizieren. Im Rahmen einer intensiven stationären Rehabilitation kann auch das "verwundete Kind" angesprochen werden.
Zur Stützung von Klienten, die gerade eine Entwöhnungsbehandlung abgeschlossen haben, arbeitet Dubrow-Eichel ebenfalls vor allem mit Altersprogressionen. Er ermutigt diese Klienten auch zu "spirituellen Reisen" und zu einem Dialog mit dem "Inneren Berater". Zudem werden schrittweise Veränderungen des Lebensstils hypnotisch angebahnt.
Ein Vorteil hypnotischer Techniken besteht darin, dass der Abhängige nicht unbedingt auf einen Hypnotherapeuten angewiesen ist. Methoden der Selbsthypnose - evtl. unterstützt durch Medien - sind relativ leicht zu erlernen. Mary zum Beispiel, eine junge Frau Mitte zwanzig, war schwer kokainabhängig. Ihr Fall wurde 1993 im "American Journal of Clinical Hypnosis" beschrieben. Mary kaufte sich ein kommerzielles hypnotherapeutisches Tonband zur Verhaltenskontrolle. Sie setzte es erfolgreich ein, um das Rauchen aufzugeben und um nach einem Kokainexzeß schlafen zu können. Schließlich entschloss sie sich, mit Hilfe des Tonbands auch den Kokainmissbrauch zu überwinden. Sie hörte dieses Band dreimal pro Tag über vier Monate. Danach war sie clean und blieb es - zumindest neun Jahre bis zum Erscheinen des Artikels über ihren Fall. Marys Geschichte ist besonders bemerkenswert, weil sie - außer dem Tonband - keine professionelle Hilfe erhielt.
D. J. Orman beschreibt in derselben Zeitschrift 1991 eine hypnotherapeutische Methode zur Rückfallprävention. Durch hypnotisch induzierte Altersregressionen läßt er seine Klienten noch einmal Situationen erleben, die mit früherem Drogengebrauch zusammenhingen. Orman führt sich selbst in die hypnotische Sitzung als "Stimme aus der Zukunft" ein. Diese Stimme bewertet die vergangenen Ereignisse neu und regt sinnvolle Lernprozesse an. Dann wird der Klient mit dem hypnotischen Mittel der Altersprogression in zukünftige Situationen versetzt, in denen er Versuchungen zum Drogenkonsum erfolgreich widersteht.
Der Stand der empirischen Forschung zur Hypnosetherapie mit Suchtkranken ist leider noch sehr unbefriedigend. Es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum möglich, ihre Effizienz ist diesem Bereich einzuschätzen. Seit einigen Jahren wird dem psychischen Trauma in Suchtforschung und Suchttherapie zunehmende Bedeutung eingeräumt. Dieses wachsende Interesse könnte durchaus auch eine Renaissance der Hypnosetherapie nach sich ziehen. Dies wäre aus meiner Sicht zu begrüßen - trotz der bisher noch unzulänglichen empirischen Absicherung dieser Therapieform.
Der Autor dieses Beitrags, der Diplom-Psychologe Dr. Hans Ulrich Gresch berät Menschen mit Suchtproblemen sowie deren Angehörige online via eMail, Telefon oder Bildtelefon (Skype)
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Dieser Artikel erschien zuerst in der Fachzeitschrift "drogen-report", heute umbenannt in "Konturen".
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