Nicht nur bei Übergewicht, Magersucht oder anderen Ernährungsstörungen sollten Essen und Trinken in der Psychotherapie eine wichtige Rolle spielen. Denn Psychotherapie will Menschen verändern, und Veränderungen brauchen psychische Energie. Unbeschwerter Genuss gehört zu den Kraftquellen, aus denen diese Energie fließen kann.

Ernährung und Selbstverwirklichung

In der Psychotherapie wird die Ernährung in der Regel nur angesprochen, wenn der Patient zu dick oder zu dünn ist, an Essstörungen oder gewichtsbedingt unter seinem Aussehen leidet. Falls keiner dieser Faktoren zutrifft, ist die Ernährung in aller Regel kein Thema. Die Vernachlässigung von Ernährungsfragen ist allerdings nicht allein für die Psychotherapie, sondern für die Psychowissenschaften insgesamt charakteristisch.

Der Psychologe A. H. Maslow (1954) entwickelte 1954 ein hierarchisches Modell der menschlichen Bedürfnisse. In diesem Modell ordnet er die Ernährung der untersten Stufe, den physiologischen Bedürfnissen zu. Es folgen die Sicherheitsbedürfnisse, die Bedürfnisse der Zugehörigkeit und Zuneigung, die Bedürfnisse der Achtung und Wertschätzung und die Bedürfnisse der Selbstverwirklichung.

Maslow behauptete, dass die Bedürfnisse aufsteigend befriedigt würden, dass Menschen also erst zu einer nächsthöheren Stufe übergehen, sobald die jeweils darunter liegende(n) befriedigt seien. Für diese Behauptung finden sich in der empirischen Literatur jedoch nur wenig Beweise (Weinert, 1998:144 ff.).

Im Ernährungsverhalten zeichnet sich ein Trend ab, der Maslows Annahme eindeutig widerspricht: Die Menschen wollen nicht einfach nur satt, sicher, integriert und geachtet sein, um erst dann nach Selbstverwirklichung zu streben. Im Gegenteil: Die Ernährung wird heute von vielen Menschen als wesentliches Element der Selbstverwirklichung betrachtet. Und es ist diesen Menschen wichtig, dass die Nahrungsmittel sicher, also nicht gesundheitsschädlich sind. Sie möchten durch bewusste Ernährung auch dokumentieren, dass sie zu einem Kreis von gleichgesinnten, bewussten Menschen zählen, und sie erwarten, dass man sie für dieses Verhalten respektiert.

Dieser Trend, der einen schnell wachsende Zahl von gesundheitsbewussten Menschen erfasst, eilt der psychotherapeutischen Erkenntnis voraus. Die Psychotherapie hat zwar vor einigen Jahrzehnten die Körperarbeit entdeckt - aber die Ernährung wird noch nicht als integraler Bestandteil einer ganzheitlichen Psychotherapie begriffen. Dabei weiß der Volksmund seit Jahrhunderten, dass "Essen und Trinken Leib und Seele zusammenhalten".

Das schlechte Gewissen

Das gestiegene und sicher positiv zu bewertende Ernährungsbewusstsein hat allerdings auch seine Schattenseiten. Nicht wenige Zeitgenossen beschäftigen sich inzwischen beinahe zwanghaft mit der Frage, ob sie zuviel, zuwenig, das Richtige essen und trinken - und sie entwickeln ein permanentes schlechtes Gewissen angesichts der Flut von oft wiedersprüchlichen Ratschlägen und wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Ernährung, die selbst der Ernährungsbewussteste, schon wegen der schieren Fülle, nicht mehr befolgen und berücksichtigen kann.

Diese Zwänge und dieses schlechte Gewissen sind psychotherapeutisch relevant - und dies nicht nur, wenn sie psychopathologische Züge annehmen. Es handelt sich hier um Themen von grundsätzlicher Bedeutung, weil die Ernährung einen prägenden Einfluss auf unsere Weltsicht insgesamt ausübt.
Dies verrät bereits unsere Sprache: Das Leben ist süß, Enttäuschungen sind bitter, ein(e) Geliebte(r) ist Zucker oder "Honey", eine Wahrheit kann gut schmecken oder schwer zu schlucken sein (Roberts 1998).

Metaphern aus dem Bereich der Ernährung prägen unsere Wahrnehmung und unsere Ernährungsgewohnheiten formen teilweise auch unsere sozialen Beziehungen. Man denke nur daran, in welchem Ausmaß unser Sozialverhalten durch die Erziehung am elterlichen Esstisch konditioniert wurde. Und so manifestieren sich die Schattenseiten des Ernährungsbewusstseins mitunter auch in der Weltsicht und den zwischenmenschlichen Beziehungen. Besuche bei Gastgebern mit anderen Ernährungsgewohnheiten, widerspenstige Kinder mit keineswegs "gesunden" Vorlieben, verständnislose Ehepartner, Kantinen am Arbeitsplatz werden dann z. B. zum Problem - und verursachen Stress.

Psychotherapie hat aber die Aufgabe, unnötigen Stress abzubauen und Lebensfreude zu steigern. Sie kommt also an der Ernährung nicht vorbei. Im übrigen neigen ernährungsbewusste Menschen (und nicht nur diese) dazu, Nahrungsmittel mit moralischen Wertungen zu assoziieren. So bin ich z. B. mit dem Begriff "gute Butter" aufgewachsen, die im krassen Gegensatz zu "nur Margarine" stand. Man spricht von "Junk Food" oder abfällig von Konservengerichten.

Diese Bewertungen mögen berechtigt sein oder nicht - ein Psychotherapeut wird hellhörig, wenn er aus dem Munde seiner Klienten moralische Wertungen vernimmt. Und dies nicht etwa, weil er ein moralischer Oberrichter wäre, sondern weil moralische Wertungen erfahrungsgemäß zu den wichtigsten Barrieren zählen, die Psychotherapieklienten daran hindern, ihre frei gewählten Ziele zu erreichen. Das oberste Ziel jeder Psychotherapie sollte psychisches Aufblühen sein, und dazu gehört von falscher Moral befreites lustvolles Genießen.

Ernährungspsychologie

Die akademische Ernährungspsychologie betrachtet den Gegenstand ihres Fachs eher aus der Perspektive des Überichs (du musst, du sollst, du darfst, du darfst nicht), und interessiert sich weniger für die Faktoren des psychischen Aufblühens durch befreiten Genuss.

So charakterisieren die tonangebenden deutschen Ernährungspsychologen Volker Pudel und Joachim Westenhöfer (1998,27) in ihrer "Einführung in die Ernährungspsychologie" die Ernährungspsychologie wie folgt:

Ernährungspsychologie ist ein wissenschaftlicher Beitrag der Psychologie

  1. zum Verständnis der Bestimmungsgründe des menschlichen Eßverhaltens,
  2. seiner Verbreitung und seiner möglichen Gesundheitsrisiken,
  3. um durch bedarfsgerechtere Ernährung die psychophysische Gesundheit zu fördern oder ernährungsabhängige Krankheiten zu bessern.
  4. Hierzu sind motivationale, kommunikative und ggf. auch therapeutische Strategien zu begründen, die verhaltenswirksam werden und
  5. die auch die Wirkungen der Lebensmittelinhaltsstoffe auf psychophysiologischer Ebene einbeziehen.

Der Genuss kommt in dieser Standortbestimmung nicht vor, zumindest nicht ausdrücklich. Offenbar dämmerte es den Autoren beim Verfassen ihres Manuskripts dann aber doch, dass sie eine Kleinigkeit vergessen hatten - und so fomulierten sie einige Absätze später: "Eine Psychologie des Essens (und Trinkens) muss insbesondere die physiologischen Effekte der Nahrungsaufnahme und die psychologischen Wirkungen des Essens betrachten. So ist der Verzehr einer Tafel Schokolade sowohl als 'Aufnahme von Kalorien von 530 kcal mit hohem Fett- und Disaccharidanteil' zu beschreiben und gleichzeitig auch als 'lustvolles Erlebnis, sich den vollen, süßen Geschmack ausgiebig zu gönnen'."

Das Wort "gönnen" ist verräterisch und kennzeichnend für den Tenor das gesamten Buchs. Der Genuss ist eine Normabweichung vom Ideal der gesunden Ernährung, die man sich in Maßen "gönnen" darf.

Unbeschwert genießen

Aus Sicht der psychotherapeutischen Praxis stellt sich der Sachverhalt allerdings anders dar. Das Genießen sollte hier als eine wesentliche Ressource, als Kraftquelle sinnvoller Veränderungen betrachtet werden - und dies kann durchaus auch bedeuten, dass zur Korrektur gesundheitsschädlicher Konsumgewohnheiten eingesetzt wird, nämlich zur Verstärkung gesunder Formen des Essens und Trinkens. Doch dies ist, außer bei Essstörungen, gar nicht der entscheidende Aspekt. Der Genuss dient zur Steigerung der Lebensfreude. Lebensfreude ist der Wurzelgrund des Lebenssinns. Und um den geht es ja in der Psychotherapie.

Nun könnten besorgte Leser einwenden, dass unbeschwerter Genuss zwar kurzfristig zu mehr Lebensfreude, langfristig aber auch zu mehr Herzinfarkten und anderen "Zivilisationskrankheiten" führen würde.
Dieser Einwand klingt zwar plausibel, denn wo Licht ist immer auch Schatten. Allerdings nähren neuere ernährungswissenschaftliche Befunde doch Zweifel an dem Automatismus, der im oben zitierten Einwand unterstellt wird.

"...die mittelmeerische Küche", schreiben die Ernährungsexperten Udo Pollmer und Susanne Warmuth, "beinhaltet so ziemlich alles, was deutsche Ernährungsexperten strikt ablehnen: als Aperitif ein Gläschen Pastis oder Ouzo. Morgens ein knappes, süßes Frühstück. Mittags statt einer Schüssel Rohkost eine Zwiebelsuppe, überbacken mit fettem Käse, dazu etwas Weißbrot. Als Hauptmahlzeit am Abend schließlich saftiges Fleisch vom Grill, natürlich schön durchwachsen. Das butterweiche (sprich totgekochte) Gemüse schwimmt seit Stunden im Olivenöl und ist kräftig gesalzen. Dazu eine Flasche Retsina, Rioja oder Beaujolais, ohne die wagt man ja nicht von Eßkultur zu sprechen. So hat es wohl jeder, der schon einmal als Tourist am Mittelmeer weilte, erlebt und genossen (Pollmer, 2000,219)."

Nun stellte sich aber heraus, dass die Bewohner der Mittelmeerländer seltener an koronaren Herzerkrankungen leiden als die Menschen in den nördlicheren Ländern Europas. Pollmer führt diese Tatsache allerdings nicht insgesamt auf die mediterrane Kost zurück, sondern auf die Tatsache des höheren Weinkonsum in den Ländern des Mittelmeerraums. Ein bis zwei Gläschen Wein (besonders Rotwein) pro Tag haben bekanntlich eine günstige Wirkung auf die Herzgesundheit.

Ernährung und Stress

Eine Arbeitsgruppe um den amerikanischen Ernährungspsychologen Paul Rozin (1999) schlägt eine weitere Erklärung für dieses Phänomen vor, das die Amerikaner "french paradox" nennen. Er untersuchte die Einstellungen zur Ernährung in den U.S.A., Japan, Flandern und Frankreich. Es zeigte sich, dass sich die Amerikaner wegen ihrer Ernährung am meisten Sorgen machen und die Franzosen am wenigsten. Sorgen aber, schlussfolgert Rozin, verursachen Stress und Stress wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus. Er schreibt: "Wir vermuten, dass die Amerikaner auf dem psychologischen Niveau von den Franzosen einiges lernen können."

Effektive Psychotherapie versucht, die Barrieren niederzureißen, die den Menschen daran hindern, sein Leben zu genießen. Der Genuss eines leckeren, reichlichen Mahls und eines guten Tropfens Wein ohne Gewissensbisse gehört daher zweifellos zu den wesentlichen psychotherapeutischen Zielen. Wenn die guten Gefühle beim Genießen auf solider Grundlage wachsen sollen, dann empfehle ich Bio-Lebensmittel. Denn beim Gedanken an zusammengepferchte Hühner in in Pestiziden gebadetes Gemüse will (zumindest bei mir) einfach nicht die rechte Stimmung aufkommen.

Literatur

Maslow, A. H. (1970, Erstausgabe 1954). Motivation and Personality, 2. Edition, New York (Harper)
Pollmer, U. & Warmuth, S.(2000). Lexikon der populären Ernährungsirrtümer. Frankfurt a. M. (Eichborn)
Pudel, V. & Westenhöfer, J. (1998). Ernährungspsychologie. Eine Einführung. Göttingen (Hogrefe)
Roberts, P. (1998). The new food anxiety. Psychology Today, 31(2), March-April, 30ff.
Rozin, P. et al. (1999). Attitudes to Food and the Role of Food in Life in the U.S.A., Japan, Flemish Belgium and France: Possible Implications for the Diet Health Debate. In: Appetite, 33,163-180
Weinert, A. B. (1998). Organisationspsychologie. Weinheim (Psychologie Verlags Union)

Beratung

Der Autor dieses Beitrags, der Diplom-Psychologe Dr. Hans Ulrich Gresch berät Menschen mit Ernährungsproblemen sowie deren Angehörige online via eMail, Telefon oder Bildtelefon (Skype)

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