Reichtum, Macht und Privilegien hängen nicht nur von Beitrag des Individuums für die Gemeinschaft ab. Die Welt ist ungerecht. Doch diesen Gedanken finden viele Menschen unerträglich. Der Kult der Intelligenz dient dazu, Ungerechtigkeiten zu rationalisieren.

The Bell Curve

Feuersteins Grundannahme lautet: "Intelligenz ist keine statische Struktur, sondern ein offenes, dynamisches System, das sich während des ganzen Lebens weiterentwickeln kann." Diese Auffassung ist in Fachkreisen keineswegs unumstritten. Das Konzept Feuersteins ist wohl nur vor dem Hintergrund der Rolle des Intelligenzbegriffs in der modernen Industriegesellschaft angemessen zu würdigen.

1994 veröffentlichten Herrnstein und Murrey das Buch: The Bell Curve: Intelligence and Class Structure in American Life". In dieser Schrift vertreten die Autoren die Auffassung, dass sich die amerikanische Gesellschaft zunehmend in zwei Gruppen aufspaltet, nämlich in die Gruppe der Intelligenten, die reich und mächtig werden, und in die Gruppe der weniger Intelligenten, die arm und ohnmächtig bleiben. Der Graben zwischen diesen beiden Gruppen müsse sich unweigerlich vertiefen, das die moderne naturwissenschaftlich-technische Gesellschaft zwangsläufig intelligente Leute benötigt und ihnen den Weg in Führungspositionen ebnet.

Intelligenz ist aus Sicht der Autoren weitgehend angeboren. Förderprogramme für Lernschwache seien daher eine unnötige Verschleuderung finanzieller Mittel, ja, sie seien im Grunde eine Diskriminierung der Begabten. Da diese Auffassung nicht unbedingt "politisch korrekt" ist, löste sie einen Sturm der Entrüstung aus. Es darf allerdings nicht übersehen werden, dass sich dieses Buch auf zahllose empirische Untersuchungen stützt, die von der Mehrheit der Intelligenzforscher als zutreffend angesehen werden. Die Auffassungen von Herrnstein und Murrey werden von einem Großteil der amerikanischen Fachwelt geteilt, die es jedoch vorzieht, diese Ansichten nicht öffentlich zu diskutieren.

Die Situation in Deutschland unterscheidet sich wahrscheinlich nicht grundsätzlich von der amerikanischen, wenngleich in unserem Lande angesichts der Nazi-Vergangenheit das Tabu noch stärker ausgeprägt sein dürfte. Auch in Deutschland vertreten viele Pädagogen, Psychologen, Psychiater, Bildungspolitiker und andere Verantwortliche den statisch-genetischen Intelligenzbegriff. Dies mag durchaus auch unbewusst sein. In diesem Falle agieren die Betroffenen trotz anderslautender Lippenbekenntnisse so, als ob sie sich von einem statisch-genetischen Intelligenzbegriff leiten ließen.

Die kritische Sicht

Ist die Intelligenz ein Maß für den Wert des Menschen?

Die politische Brisanz des Intelligenzbegriffs ist unübersehbar. Es wurde sogar von einem "Kult der Intelligenz" gesprochen: Der Intelligenzquotient sei zum Maßstab des menschlichen Wertes schlechthin geworden. Dabei ist die Frage, ob der Intelligenztest tatsächlich Intelligenz misst, noch lange nicht abschließend geklärt. Der Bamberger Psychologe Dörner fand beispielsweise nur geringe Korrelationen zwischen den Intelligenzquotienten seiner Versuchspersonen und ihrer Fähigkeit, in einer computer-simulierten Gemeinde erfolgreich als Bürgermeister tätig zu sein, also reale, komplexe Probleme des alltäglichen Lebens zu lösen. Dennoch hat sich der Intelligenzquotient als Maßeinheit der geistigen Leistungsfähigkeit im öffentlichen Bewußtsein etabliert, und Intelligenz wird weitgehend als angeboren und damit unveränderbar betrachtet.

Feuersteins Programm ist demgegenüber der Versuch, die menschliche Intelligenz zu steigern. Es handelt sich de facto um ein Intelligenztraining.

Das Arbeitsmaterial Feuersteins besteht aus Übungseinheiten, die den Aufgaben der traditionellen sog. sprachfreien Intelligenztests entsprechen oder ähneln. Diese Tests enthalten außer einfachen Instruktionen keine verbalen Inhalte. Damit soll sichergestellt werden, dass die Ergebnisse nicht durch kultur- oder klassenbedingte sprachliche Defizite verfälscht werden. Im englischen Sprachraum nennt man diese Test daher auch "culture-fair". Erinnern wir uns, dass Feuerstein die Idee für sein Intelligenztraining entwickelte, als er nordafrikanische Juden und Waisenkinder mit "culture-fair-tests" untersuchte und deren Ergebnisse ihm fragwürdig erschienen. Er entwickelte daher den Intelligenztest zu einem Lernfähigkeitstest weiter.