Die Methoden des Feuerstein-Trainings sind darauf zugeschnitten, Lernpotenziale zu erkennen und gezielt zu fördern. Die Förderung erfolgt jedoch nicht nur in den Trainingseinheiten. Auch außerhalb der Übungsstunden können Mediatoren (wie z. B. die Eltern geförderter Kinder) zur Entwicklung der kognitiven Struktur beitragen.

Learning Potential Assessment Device

Feuerstein lehnt - seiner Grundannahme entsprechend - die klassischen Prozeduren der Intelligenzmessung ab. Wenn man einen statischen Intelligenzbegriff voraussetzt, so genügt eine einmalige Testung. Es muss nur sichergestellt werden, dass der Getestete völlig unbeeinflusst vom Tester die Aufgaben des Intelligenztests löst.

Feuerstein lässt sich demgegenüber von seiner Theorie der "cognitive modifiability" leiten. Intelligenz ist nichts Statisches, sie verändert sich vielmehr und kann durch gezielte Maßnahmen beeinflusst werden. Er entwickelte daher zunächst ein Instrument zur Diagnose des Lernpotenzials, um kognitive Defizite zu ermitteln, die er allerdings als überwindbar ansieht. Er nennt dieses Instrument das "Learning Potential Assessment Device" (LPAD). Der Aufgabeninhalt ist stark an herkömmlichen Intelligenztests orientiert. Es erfolgt jedoch eine mehrmalige Messung. An den Prätest schließt sich eine Trainingsphase mit Denkhilfen an. Daraufhin wird ein zweiter Test mit einer parallelen Version des ersten Tests vorgenommen. Die Beobachtung dieses Prozesses erlaubt dann die Ableitung geeigneter Interventionen.

Instrumental Enrichment Program

Auf der Grundlage dieser Diagnostik kann nun gezielt versucht werden, die kognitive Struktur zu verbessern. Feuerstein entwickelte hierzu das "Instrumental Enrichment Program". Dieses Programm enthält rund 450 Arbeitsseiten mit Übungsaufgaben, die in 15 Arbeitseinheiten gegliedert sind. Diese Arbeitseinheiten werden Instrumente genannt und auch als Werkzeuge des Denkens verstanden. Jede Arbeitseinheit konzentriert sich weitgehend auf eine kognitive Grundfertigkeit, wie zum Beispiel das Vergleichen, das Kategorisieren, das Entwickeln von Plänen zur Lösung von Aufgaben usw.

Die Aufgaben zwingen den Programmteilnehmer, sich in der jeweiligen Grundfertigkeit zu üben. In einem Fall geht es darum, in einem Haufen von Punkten, der auf den ersten Blick ungeordnet erscheint, Strukturen zu erkennen, zum Beispiel Dreiecke oder Quadrate. Bei anderen Aufgaben müssen unveränderliche Teile unterschiedlicher Bilder oder Regeln von Veränderungen entdeckt werden. Diese Entdeckungen gestatten dann die Entwicklung optimaler Strategien zur Problemlösung.

Zu den von Feuerstein entwickelten Instrumenten zählen z. B.

  • Strukturen erkennen, Strategien ausdenken
  • Analytische Wahrnehmung
  • Orientierung im Raum
  • Vergleichen
  • Kategorien bilden
  • Befolgen von Anweisungen.

Feuerstein unterscheidet drei Phasen des Lernens, nämlich die Informationsaufnahme, die Informationsverarbeitung und die Mitteilung des Ergebnisses (Input, Throughtput, Output).

In allen drei Phasen können Defizite zu unzulänglichen Lernprozessen führen.

Ziel und Unterziele des Instrumental Enrichment Programs

Das übergeordnete Ziel des Feuerstein-Trainings besteht darin, die Leistungsfähigkeit in allen drei Phasen des Lernprozesses zu steigern.

Unterziele für die Informationsaufnahme sind zum Beispiel:

  • Klares Wahrnehmen der Aufgabe, ihrer Randbedingungen, der vorhandenen Ressourcen usw.
  • Entwicklung eines Plans zur Bewältigung der Aufgabe
  • Identifikation unveränderlicher Bestandteile von Elementen bzw. Teilaufgaben.

Zu den Unterzielen der Informationsverarbeitung zählen u. a.:

  • Genaue Definition der Aufgabe und der Teilziele
  • Gegenstände und Erfahrungen miteinander vergleichen
  • Alternative Lösungswege erwägen.

Für die Phase der Mitteilung benennt Feuerstein zum Beispiel folgende Unterziele:

  • Klare und präzise Ausdrucksweise
  • Nachdenken vor einer Anwort
  • Impulsives Verhalten unterdrücken

Aufgaben der Eltern

Es ist selbstverständlich, dass diese Ziele nicht nur in formellen Unterichtseinheiten, sondern auch im alltäglichen Leben angestrebt werden können. Eltern können z. B. die kognitive Entwicklung ihres Kindes fördern, indem sie

Ein Vater produziert Intelligenz
  • Ziele verdeutlichen, ("Hole Milch, weil ich Pudding kochen will und dafür Milch brauche!")
  • Handlungen durchsichtig machen, ("Wir essen zu geregelten Zeiten, weil sonst das Familienleben nicht funktioniert.")
  • bereits erworbene Fähigkeiten nutzen, ("Schau mal, gestern hast Du mit Sand und Wasser "Kuchen gebacken". Heute backen wir einen richtigen Kuchen. Aber jetzt erfüllen die Eier den Zweck, den das Wasser im Sandkasten hatte.")
  • Kompetenzgefühle vermitteln (durch Lob oder durch Gestaltung der Lernwege, und zwar so, dass der Lernende Fortschritte selber erkennen kann),
  • falsche Verhaltensweisen beeinflussen, ("Pass mal auf, Du musst das Messer so halten, damit Du Dich nicht immer wieder schneidest!")
  • Neugier wecken, (durch Anregung spannender Beschäftigungen, z. B. Zelten, Nachtwanderungen)
  • die Persönlichkeit des Kindes akzeptieren, ("Ich mag den Tee nicht so süß wie Du, aber jeder hat seinen eigenen Geschmack!"
  • die Notwendigkeit vermitteln, sich Ziele zu suchen, ("Wenn Du am Wochenende Zelten gehen willst, solltest Du Dir aber aufschreiben, was Du alles mitnehmen musst!")
  • das Kind herausfordern, sich neuen Sachverhalten zu stellen, ("Heute begleite ich dich noch einmal, aber beim nächsten Mal musst Du Dir eine neue Hose allein aussuchen").

Die genannten Dimensionen elterlichen Erziehungsverhaltens sollten eigentlich selbstverständlich sein. Doch in modernen Industriegesellschaften werden Erziehungsfehler in diesen Bereichen immer häufiger. Es fehlt zunehmend die vermittelte Lernerfahrung im Alltag. Und auch in unserem Schulsystem und sogar an unseren Universitäten herrscht das Faktenlernen vor, das die Schüler und Studenten natürlich hervorragend befähigt, Multiple-Choice-Fragen in schriftlichen Prüfungen richtig zu beantworten. Eher selten, wenn überhaupt, werden Lern- und Denkprozesse bewusst gemacht.