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Unser Denken gleicht einer Wanderung. Oft folgen wir bekannten Wegen oder können uns auf unsere Wanderkarte verlassen. Mitunter sind wir wagemutig, schreiten bei bedecktem Himmel querbeet und vertrauen unserer Intuition.
Wir haben eine Idee. Wenn wir, zumindest in groben Zügen, den Weg zurückverfolgen konnten, der uns zu dieser Idee führte, so halten wir sie für das Resultat rationalen Denkens, für ein Produkt der Logik und Erfahrung. Ist diese Idee aber plötzlich da, wissen wir nicht, woher sie kam, dann sprechen wir von Intuition. Bei den meisten unserer Ideen und Einsichten handelt es sich allerdings um Mischprodukte aus rationalen und intuitiven Elementen.
Man könnte
den Prozess der Ideenfindung oder Erkenntnisgewinnung mit einer Wanderung
vergleichen. Mitunter folgen wir einer Straße, wechseln dann auf
Feldwege, biegen in Pfade ein, durchmessen schließlich wegloses
Gelände oder schlagen uns auch einmal ins Unterholz. Manchmal folgen
wir einer Karte, gelegentlich schauen wir sogar auf den Kompass oder nach
dem Stand der Sonne, nicht selten verirren wir uns oder streunen ziellos
umher und folgen immer der Nase nach. Manchmal erreichen wir unser Ziel
oder wir verfehlen es, hin und wieder ist auch der Weg das Ziel.
Die Muster der geistigen Bewegung haben sich bei unseren Vorfahren, die Nomaden, Sammler und Jäger waren, vermutlich entsprechend den Mustern ihrer physischen Bewegung entwickelt. Es mag sein, dass dieses Erbe immer noch in uns lebendig ist. Vielleicht empfinden daher viele Menschen eine instinktive Abneigung gegen einseitig rationale, aber auch einseitig irrationale Formen des Denkens.
Diese Abneigung kennt aber eine große Ausnahme: Politiker faszinieren
die Massen, wenn sie einseitig irrational sind und sich bedenkenlos über
die Stimme der Vernunft hinwegsetzen.
Nebenbei: Es stimmt keineswegs, dass die intelligenteren auch die rationaleren
Menschen sind. Intelligenz besteht eigentlich darin, sich bei seinen geistigen
Wanderungen dem Gelände anzupassen und die Wahl der Route von den
Zielen und Bedürfnissen abhängig zu machen.
Man kann die Intuition nicht trainieren. Das wäre ein Widerspruch
in sich selbst. Schließlich ist die Intuition spontan und ungeplant.
Sonst wäre sie keine Intuition. Aber man kann sich selbst schulen,
der Intuition Raum zu gewähren, auch Intuitionen zu achten und sie
ernst zu nehmen. Intuitionen sind häufig schwache Signale, die leicht
vom "Lärm" der Ratio übertönt werden. Dieser
"Lärm" ähnelt den Rufen eines "Marktschreiers",
der die Schnellstraßen und die kürzesten Strecken für
die geistige Bewegung anpreist. Doch wer die Landschaft genießen
oder Neues entdecken möchte, fährt besser nicht über die
Autobahn.
Die Intuition ist wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Man möchte also meinen, dass sie der schnellste Weg zur Erkenntnis sei. Doch dies ist leider keineswegs der Fall, von Ausnahmefällen abgesehen. Wer sich stärker von der Intuition leiten lassen möchte, braucht vor allen Dingen - Geduld. Er muss warten können. Denn der Gedankenblitz lässt sich nicht erzwingen. Mitunter kommt uns die rettende Idee im Schlaf, hin und wieder taucht sie aus den Tiefen unseres schöpferischen Unbewussten in der Meditation auf, manchmal wird sie aus der Not im Stress geboren. Oft, sehr oft sogar überkommt sie uns, wenn wir gar nicht mehr mit ihr rechnen, wenn wir längst vergessen haben, dass wir einst sehnlichst auf sie warteten. Es ist daher nicht weiter erstaunlich, wenn die Menschen früherer Zeiten die Intuition als Geschenk launischer Götter betrachteten.
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