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An der Intuition scheiden sich die Geister. Für manche ist sie pure Schwärmerei, für andere höchste Offenbarung. Sie fällt uns mühelos zu; sie ist - und dies macht sie verdächtig - keine Frucht harter Verstandesarbeit. Andererseits: Ist sie vielleicht gerade deswegen ein Geschenk des Himmels?
Vielen Philosophen ist die Intuition suspekt. Für sie ist Erkenntnis immer begrifflich vermittelt. Der Glaube an die unmittelbare Offenbarung der Wahrheit oder des Wesens der Dinge ist für sie eine naive Schwärmerei. Zu diesen Philosophen zählen Kant und Hegel. Es gibt nur weniger Geister, die das abendländische Denken nachhaltiger geprägt hätten als diese beiden Philosophen. Für Spinoza jedoch ist die Intuition die höchste Erkenntnisform überhaupt. Die "scientia intuitiva" gibt aus dieser Sicht die Dinge unmittelbar und auf die gleiche Weise wieder, wie sie in Gott sind.
Die Intuition enthüllt also das göttliche Sein der Dinge und zeigt sie in ihrer Vollkommenheit, die von der zergliedernden und analysierenden Ratio nicht erfasst werden kann. Diese Vorstellung eines hierarchischen Weltenbaus mit einem Gott an der Spitze, der rational nicht begriffen werden kann, finde auch ich nicht akzeptabel.
Das Wesen der Dinge sollte nicht der rationalen Diskussion entzogen werden. Und alle Formen der Herrschaft, einschließlich der angeblich göttlichen, müssen der Kritik zugänglich sein. Sehr sympathisch aber finde ich die Vorstellung, dass wir durch die Intuition zum Mitschöpfer der Welt werden. Die Intuition ist ein göttlicher Funke im Prozess der Schöpfung. Die Resultate des rationalen Denkens folgen zwingend aus ihren Voraussetzungen, und somit ist das rationale Denken nicht frei. Nur durch die Intuition wird der Mensch zum Schöpfer.
Es ist ein Selbstmissverständnis des Menschen, wenn er die Intuition, sein eigenes Schöpfertum, als Gabe einer übernatürlichen Wesenheit empfindet. In Wirklichkeit formt der Mensch seine Vorstellung Gottes nach dem Vorbild seines eigenen Schöpfertums. Er überhöht das Schöpferische zum Göttlichen. Dabei entstehen alle Wunder der Welt in unserem Nervensystem.
Wie die Dinge an sich sind, wissen wir nicht. Was aber die Dinge für uns sind, ist das Resultat unserer Geistestätigkeit. Verläuft diese Tätigkeit nach Plan, ist sie also Arbeit, dann nennen wir sie rational. Ist sie aber ein freies Spiel, dann sprechen wir von Intuition. Dies ist das Göttliche, die göttliche Gnade:
"Wenn wir von einer innern Freudigkeit erfüllt sind, welche, wie die Morgensonne, die Welt überscheint und alle Begebenheiten, Verhältnisse und Kreaturen zur eigentümlichen Bedeutung erhebt, so ist dieses freudige Licht vielmehr die wahre göttliche Gnade, in der allein alle Tugenden und großen Gedanken gedeihen, und die Welt ist wirklich so bedeutsam, jung und schön, wie sie unser Gemüt in sich selber anschaut." (1)
(1) Joseph Freiher von Eichendorff: Ahnung und Gegenwart, S. 56. Digitale Bibliothek Sonderband: Meisterwerke deutscher Dichter und Denker, S. 2215 (vgl. Eichendorff-W Bd. 2, S. 38)
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