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Menschen sind auf Intuitionen angewiesen, weil sie häufig Entscheidungen unter Zeitdruck fällen müssen, ohne alle notwendigen Informationen zu besitzen. Die Intuition ist vermutlich eine angeborene Form menschlichen Verhaltens. Schon in Urzeiten erhöhte die Intuition die Wahrscheinlichkeit des Überlebens von Individuen und der Gattung.
Wir können drei grundlegende Formen der Kontrolle des menschlichen
Verhaltens unterscheiden, nämlich die automatische, die rationale
und die intuitive.
Automatisch sind die angeborenen Verhaltensmuster und die immer wieder
geübten, eingefleischten Verhaltensweisen, die Gewohnheiten.
Rational sind alle Formen der Kontrolle, die auf einer Entscheidung beruhen,
die nach einigem Nachdenken und Abwägen von Fakten erfolgt.
Die intuitive Kontrolle schließlich ist ebenfalls an eine Entscheidung
gebunden, diese aber beruhte auf einer spontanen Eingebung. (2)
Wenn die Intuition des Ergebnis unbewusster Denkprozesse und automatischer Steuerungen im Gehirn des Menschen ist, dann wäre die intuitive Kontrolle des Verhaltens eine Form der Selbstkontrolle. Handelt es sich aber bei der Intuition um eine Beeinflussung, die nicht aus dem Gehirn des Menschen stammt, also z. B. um eine göttliche Offenbarung oder um eine telepathische Informationsübertragung, dann wäre die intuitive Kontrolle des Verhaltens eine Form der Fremdsteuerung.
In beiden Fällen jedoch wäre die erlebte Spontaneität der Intuition nur eine scheinbare, eine Illusion des erlebenden Individuums. Die Intuition wäre nur dann wirklich spontan, wenn sie völlig voraussetzungslos, gleichsam aus dem Nichts entstünde. Nur dann könnte sie freie, also nicht intern oder extern determinierte Handlungen begründen.
Das Wesen der Intuition wurde von der empirischen Psychologie bisher kaum erforscht. Zwar wurden zahllose Spekulationen zu dieser Frage publiziert. So spielt die Intuition z. B. im Werk des abtrünnigen Freud-Schülers Carl Gustav Jung eine wesentliche Rolle. Doch diese Überlegungen, so plausibel sie mitunter auch klingen, wurden bisher noch nicht durch handfeste Experimente untermauert. Derartige Experimente sind natürlich auch nicht einfach zu verwirklichen; schließlich kann man Versuchspersonen nicht anweisen, sich intuitiv zu verhalten. Doch dies ist kein unüberwindliches Problem. Man könnte den Versuchspersonen z. B. Aufgaben geben, die durch Mangel an relevanten Informationen (I) und Zeitdruck (Z) gekennzeichnet sind. Durch Veränderung der Variablen I und Z kann man dann versuchen, die Wahrscheinlichkeit intuitiver Problemlösungen zu steigern oder zu senken.

Im Extremfall besitzen die Versuchspersonen überhaupt keine relevanten Informationen. Ein Experiment dieser Art verlief wie folgt: Das Reizmaterial bestand aus geometrisch geformten, sinnfreien Strichzeichnungen. Von diesen Strichzeichnungen gab es jeweils sechs Varianten. Fünf dieser Varianten waren nach derselben mathematischen Funktion verzerrt worden.
Den Versuchspersonen wurden die Strichzeichnungen, eine nach der anderen, jeweils für 10 Sekunden präsentiert. Sie hatten die Aufgabe, jene Zeichnung zu identifizieren, die am schlechtesten zu den anderen passte. Es gelang den Versuchspersonen deutlich besser, die nach der abweichenden mathematischen Funktion verzerrte geometrische Figur zu identifizieren, als dies nach dem Zufall zu erwarten gewesen wäre. So konnten natürlich nicht sagen, auf welcher Grundlage sie ihre Entscheidung gefällt hatten. Schließlich hatten sie diese Zeichnungen nie zuvor gesehen und besaßen daher auch keine Kriterien für ihre Auswahl. (3)
Das Verhalten der Versuchspersonen, nämlich die Auswahl der abweichenden Strichzeichnung, wurde hier also eindeutig durch eine Intuition kontrolliert, denn es fehlte jede bewusste Grundlage für eine rationale Entscheidung. Die geistigen Prinzipien, auf denen die Intuition beruhte, sind freilich noch unbekannt.
(2) Walter J. Perrig: Intuition and Levels of Control: The Non-Rational Way of Reacting, Adapting, and Creating. In:Walter J. Perrig & Alexander Grob (Hrsg.): Control of Human Behavior, Mental Processes, and Consciousness. Mahwah, NJ (Lawrence Erlbaum Associates), 2000, 103-122
(3) siehe (2)
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