Kaum ein Laie kennt die theoretischen Grundlagen der Konduktiven Förderung, selbst vielen Fachleuten sind sie unbekannt. Die meisten Menschen haben wenig Erfahrungen mit bewegungsgestörten Kindern. Sie haben daher keine Wahrnehmungsschemata für sie entwickelt. Es ist also nicht weiter erstaunlich, dass manche Übungen beim "naiven" Betrachter Befremden auslösen.

Lokalaugenschein im Institut Keil

Östereich war das erste Land nach Ungarn, in dem Konduktive Förderung praktiziert wurde und wird. Die Pionierin war Helga Keil, die Petö noch persönlich kannte. Sie begann 1973, ein Institut in Wien aufzubauen. Es firmierte zunächst unter dem Namen "Keil-Institut" und wurde später in  "Institut für mehrfachtherapeutische Konduktive Förderung" umbenannt. Mitte 1998 lud es zu einem Tag der Offenen Tür ein.

Anwesend war auch eine Redakteurin der Zeitschrift betrifft:integration, Petra Flieger, die dann in der  September-Ausgabe dieser Zeitschrift einen Artikel mit dem Titel "Lokalaugenschein im Institut Keil" veröffentlichte. Dieser letztlich boshafte Text ist inhaltlich nicht weiter bemerkenswert. Er zeigt jedoch, wie leicht die Konduktive Förderung missverstanden werden kann.

Diese Missverständnisse müssen sich fast zwangsläufig einschleichen, wenn das Petö-System nur dem Augenschein nach beurteilt wird.

Die Therapie am Keil-Insitut folge, behauptet Flieger, einem überholten, defektorientierten Konzept. Dieses Konzept fordere, eine behinderte Person müsse möglichst selbständig und von der Umwelt unabhängig werden. "Wie praktisch", kommentiert die Redakteurin diese Maxime hämisch, "dann braucht sich ja die Umwelt nicht mehr auf besondere Bedürfnisse einstellen." (Flieger 1998) Es müssten dann z. B. auch keine behindertengerechten öffentlichen Verkehrsmittel mehr angeschafft werden.

Charakterisches Element der Petö-Therapie sei ein monotoner Singsang, der die Bewegungen begleite, "wie etwa: 'Ich strecke meine Arme, ich strecke meine Arme, ich rolle auf die Seite, ich rolle auf die Seite, ich liege ganz richtig, ich liege ganz richtig." Dies rege angeblich zum Mittun an.

Der Gipfel der Absurdität werde "im kollektiven Pinkeln" erreicht. "... Damit die Kinder lernen, ihre Blase zu kontrollieren, müssen sie zu gewissen Zeiten alle am Topf sitzen und singen: 'Tropf, tropf, tropf, es tropft in meinen Topf.'" (Flieger 1998)

Außerdem würden die Kinder durch "ganz Wien gekarrt" und "aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen". Niemand frage, ob ihnen das auch Spaß mache. Dies sei aber in einem hierarchisch organisierten Institut auch nicht anders zu erwarten. Hier würden Entscheidungen ausschließlich von nicht behinderten Expertinnen getroffen.

Notwendige Disziplin

Soweit der Augenschein. Der Augenschein reicht allerdings nicht aus, um die Konduktive Förderung nach Petö angemessen zu beurteilen. Flieger berichtet, sie habe sich während ihres Besuchs im Institut Keil "einem Tobsuchtsanfall" nahe gefühlt.

Derartige emotionale Reaktionen liegen tatsächlich nahe, wenn man fremdartige Sachverhalte nicht zu beurteilen vermag. Petra Flieger ist zweifellos kein Einzelfall. Die Konduktive Förderung ist auch unter Fachleuten umstritten. Vielfach wird der scharfe Drill beanstandet, der angeblich das Programm charakterisiere. Manche Kritiker haben den Eindruck gewonnen, die Kinder würden "abgerichtet".

Man mag sich über das Wort "Drill" streiten. Tatsache ist, dass die Konduktive Förderung den Kindern zweifellos Disziplin abverlangt. Doch die Disziplin, wie jeder andere Aspekt des Petö-Systems, kann nicht angemessen bewertet werden, wenn man die "innere Logik" der Konduktiven Förderung nicht versteht. Man muss das Wesentliche erkennen, um die Erscheinung richtig deuten zu können.

Drill muss ja, nebenbei bemerkt, nicht unbedingt negativ bewertet werden. Selbst im militärischen Bereich dient er bekanntlich nicht nur der Unterordnung des Soldaten; seine wohl wichtigste Funktion ist die, Leben zu retten.

Ohne Disziplin, ohne hartes, fortwährendes Training sind Höchstleistungen nicht zu erreichen. Die Entwicklung der Bewegungsfähigkeit bewegungsgestörter Kinder aber erfordert zweifellos Höchstleistungen. Die Fähigkeit zu diesen stärkt das Selbstwertgefühl. Und so kann der "Drill" durchaus auch als Voraussetzung für die Steigerung des Selbstwertgefühls verstanden werden. Das steigende Selbstwertgefühl motiviert zu weiteren Lernfortschritten.
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Begriffserklärung: Selbstwertgefühl

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