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Übergeordnetes Ziel der Konduktiven Erziehung ist die Entwicklung der Orthofunktion. Petö prägte diesen Begriff als Gegensatz zur Dysfunktion, also zur gestörten Funktion.
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, ist der Begriff "Orthofunktion" immer auf die gesamte Persönlichkeit bezogen und nicht nur auf Bewegungsmuster. Obwohl das Gehirn geschädigt wurde, können wir es lehren, einen anderen Weg zu beschreiten, eine neue Lösung zu suchen. Aber diese Lösung muss nach Petö immer eine individuelle sein. Dies bedeutet: Sie muss die Persönlichkeit und die Lebensumstände des Betroffenen berücksichtigen. Sie muss aktiv an die Alltagspraxis angepasst sein.
Hier wird der Einfluss der "Kulturhistorischen Schule" der Psychologie deutlich (vgl. Schumann & Clemens1999). Für diese Schule ist der Begriff der Tätigkeit zentral. Ausgangspunkt psychologischer Betrachtung ist die in ihrer Umwelt tätige Persönlichkeit. Durch Tätigkeit, also durch aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt bilden Subjekt und Objekt eine Einheit. Die Tätigkeit wird demgemäß nicht isoliert betrachtet, wie im Labor. Sie wird vielmehr als Aktion aufgefasst, die sich im historischen Raum vollzieht. Dementsprechend muss das gesamte Spektrum geschichtlicher Prozesse in die Analyse mit einbezogen werden, seien sie nun sozialer, wirtschaftlicher, kultureller oder politischer Art.
Wenn sich die Hilfe für bewegungsgestörte Menschen auf die Tätigkeitstheorie bezieht, so muss sie ein einheitliches System bilden. Dieses System muss alle Lebensbereiche des Betroffenen einbeziehen. Genau dies war die Absicht Petös. Orthofunktion bedeutet daher, in allen Lebensbereichen weitgehend auf Hilfsmittel oder Unterstützung durch andere Menschen verzichten zu können - zu können, nicht zu müssen. So wie dies auch ein Nichtbehinderter kann.
Hier fehlt jedoch noch ein wesentlicher Begriff zum Verständnis der Orthofunktion. Dieser Begriff war Petö so wichtig, dass er in häufig zusammen mit dem Begriff "Orthofunktion" verwendete und von "orthofunktioneller Spontaneität" sprach. (Hári 1997) Es genügt nicht, sich in allen Lebensbereichen angemessen bewegen und tätig sein zu können. Zugleich soll der Betroffene auch in der Lage sein, spontan zu handeln. Petö hatte also nicht einen Menschen vor Augen, der sich mühsam und unter Qualen mit höchster Selbstdisziplin zur Orthofunktion zwingt. Das Ziel der Konduktiven Förderung ist vielmehr ein Mensch, der sich ungezwungen seiner Umwelt zuwendet und sich kreativ und seinen Bedürfnissen entsprechend in ihr entfaltet.
Und so ist der Begriff der "orthofunktionellen Spontaneität" bestens geeignet, einer immer wieder geäußerten Kritik an der Konduktiven Förderung zu begegnen. Diese Kritik unterstellt dem Petö-System einen "eher autoritären, bisweilen an Drill erinnernden Umgang mit den Kindern", die Methode wird als "streng und manchmal sogar hart" geschildert, die Übungen wirkten "wenig kindgerecht und unflexibel, ja dressurartig und leistungsorientiert" (Fink 1998,126).
Es ist kaum zu bestreiten, dass dieser Eindruck entstehen kann. Sofern die Konduktive Förderung allerdings fachgerecht verwirklicht wird, ist diese Sichtweise falsch. Ursache dieses Missverständnisses ist in vielen Fällen das fehlende Verständnis des übergeordneten Ziels der Konduktiven Förderung, nämlich der "orthofunktionellen Spontaneität". Erst wenn dieses Ziel mit all seinen Facetten verstanden wurde, wird der Blick frei für die Vielzahl und den Sinn der konduktiven Maßnahmen und Hilfen. Was zuvor wie Drill erschien, kann dann zum Beispiel als Förderung des spontanen Bewegungsdrangs eines betroffenen Kindes wahrgenommen werden.
"Orthofunktionale Spontaneität" ähnelt unübersehbar dem Begriff des "Flow", den ein anderer Ungar, der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi (1992) geprägt und empirisch erforscht hat. Er versteht unter "Flow" einen optimalen Zustand innerer Erfahrung. In diesem Zustand herrscht Ordnung im Bewusstsein. "Dies tritt ein, wenn psychische Energie - oder Aufmerksamkeit - für realistische Ziele verwendet wird und die Fähigkeiten den Handlungsmöglichkeiten entsprechen (Csikszentmihalyi 1992, 19)."
Der Mensch im Flow ist so sehr in seine Tätigkeit vertieft, dass nichts anderes mehr eine Rolle zu spielen scheint.
Flow wird stets als überaus angenehm erlebt, ist häufig sogar mit intensiven Glücksgefühlen verbunden. "Wenn man Kontrolle über die psychische Energie erlangt und sie für bewusst ausgesuchte Ziele verwendet hat, muss man einfach zu einer komplexeren Persönlichkeit reifen. Man wird durch die Entwicklung seiner Fähigkeiten und mit der Annahme immer größerer Herausforderungen zunehmend zu einem ungewöhnlicheren Individuum." (Csikszentmihalyi 1992, 19)
Die Bedingungen für Flow in Petö-Gruppen zu schaffen, ist Aufgabe der Konduktorin. Es ist zutiefst beeindruckend, diesen Flow in der konduktiven Förderung schwer bewegungsbeeinträchtigter Menschen zu erleben.
Weiter: Die Voraussetzungen der orthofunktionellen Spontaneität
Grundideen der Konduktiven Förderung
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Zielgruppen der Konduktiven Förderung
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Zentrale Methoden der Konduktiven Förderung
Die Konduktorinnen
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