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Ein
wesentliches Merkmal der Konduktiven Förderung ist die planmäßige Gestaltung
des Tagesablaufs. Diese Planung umfasst sowohl das Training, die Freizeit,
das Spiel und die Erholung.
Petö legte jede Minute der Kinder und auch der Konduktor(inn)en bis ins
Detail sogar schriftlich fest. "Es durfte nicht passieren, dass ein
Kind den Kopf auf den Tisch legte oder Löcher in die Luft guckte."
(Hári, 1997, 32)
Ein wesentliches Merkmal der Konduktiven Förderung ist die planmäßige Gestaltung des Tagesablaufs. Diese Planung umfasst sowohl das Training, die Freizeit, das Spiel und die Erholung. Petö legte jede Minute der Kinder und auch der Konduktor(inn)en bis ins Detail sogar schriftlich fest. "Es durfte nicht passieren, dass ein Kind den Kopf auf den Tisch legte oder Löcher in die Luft guckte." (Hári, 1997, 32)
Diese exakte Planung ist erforderlich, weil die gesamte Konduktive Förderung - in all ihren Facetten - eine methodische Einheit bilden muss - ganz gleich, ob es sich nun um die Bewegungserziehung, um typische Kindergarten-Beschäftigungen wie Basteln und Spielen, um Seh- und Hörtraining oder die Erziehung zur Selbständigkeit handelt.
Nur so kann es gelingen, die neu gelernten, orthofunktionalen Bewegungsmuster an die vielfältigen Lebenssituationen anzupassen. Systematisch geplant wird also u. a. die Übertragung (Transfer) des in einem Bereich Gelernten (zum Beispiel in einer Bewegungsübung) auf andere Bereiche (zum Beispiel Einsatz des neuen Bewegungsmusters beim gemeinsamen Basteln).
Die systematische, akribische Planung des gesamten Tagesablaufs scheint im Widerspruch zum Ziel der orthofunktionellen Spontaneität im Sinne eines Flow-Erlebnisses zu stehen. Doch dies ist keineswegs der Fall. Im Gegenteil. Die Planung soll Langeweile verhindern. Sie bezieht sich auf ein Animationsprogramm, das die Kinder (bzw. erwachsene bewegungsbeeinträchtigte Menschen) immer wieder vor Herausforderungen stellt. Langeweile ist das Gegenteil von Flow. Die systematisch geplante Konduktive Förderung schafft demgegenüber die Voraussetzungen dafür, dass Flow möglich wird. Die Planung des Tagesablaufs strukturiert das Bewusstsein im Sinne von Flow.
Dies bedeutet keineswegs, dass spontane Regungen durch das vorgegebene Programm unterdrückt würden. Die Konduktor(inn)en versuchen vielmehr, sie sinnvoll in den Ablauf zu integrieren und entsprechend zu fördern. Dies bedeutet, dass der individuelle Weg zur Orthofunktion respektiert wird. Den bewegungsgestörten Menschen wird durch die Konduktive Förderung kein vorgegebenes Schema aufgezwungen. Die Programmstruktur, von Kritikern oftmals als rigide missverstanden, erlaubt vielmehr eine größtmögliche Flexibilität im Sinne einer individuellen Förderung.
Die
geplante Struktur verknüpft die verschiedenen Bereiche der Konduktiven
Förderung. Entwicklungs-, bewegungs-, sprachfördernde und pflegerische
Maßnahmen u. a. werden so zu einer sinnvollen Einheit verschmolzen. "Sinnvoll"
bedeutet hier, dass sie sich organisch auf die gesamte Lebenspraxis, auf
den Alltag des betroffenen Individuums beziehen. Die Tagesplanung ist
demnach nicht künstlich und aufgesetzt. Statt dessen könnte man sie als
eine Art Übersetzung verstehen.
Die "Sprache" der Alltagsaufgaben wird in die "Sprache" der Förderung Bewegungsgestörter mit dem Ziel der Orthofunktion übersetzt. Der Gebrauch des Wortes "Sprache" ist hier zwar im übertragenen Sinne gemeint und der Begriff wurde daher in Anführungszeichen gesetzt. Dennoch sollen die Metaphern "Sprache" und "Übersetzung" darauf hinweisen, dass die Bedeutung Kognitiver Förderung für den Alltag und die Lebenspraxis bewusst sprachlich vermittelt und übersetzt wird.
Das Herzstück dieser Planung bilden die Aufgabenserien, mit denen Schritt für Schritt übergeordnete Lernziele angestrebt werden. Dabei werden einzelnen Zeitabschnitten (z. B. einem Monat) jeweils Themen zugeordnet. Die Themen bilden das Leitmotiv der Förderung und erfüllen so eine integrative Funktion.
Ein Thema könnte zum Beispiel lauten: "Kenntnisse über mögliche Aufgabenverteilungen innerhalb der Familie." (Vgl. Weber 1998, 91 ff.) Dies wird nun vielfältig variiert. Dabei werden körperliche, geistige, psychische bzw. soziale Funktions-, Lern- und Lebensbereiche systematisch einbezogen. "Aufgaben und Problemlösungen werden eingebaut in Tätigkeitsformen mit Hilfe von Spiel, Theater, Musik, Rhythmik, Tanz, Bewegung, Atmung, bildnerische und gegenständliche Gestaltung, Sprache (z. B. Reime und Rätsel), Literatur und (Massen(Medien). Das gesamte Repertoire ästhetischer und kommunikativer Möglichkeiten wird be- und genutzt, um therapeutische Ziele angemessen und entwicklungsgerecht ganzheitlich zu verwirklichen." (Weber 1998a, 96)
Das Wort "entwicklungsgerecht" soll hier besonders hervorgehoben werden. Dem Übenden müssen Aufgabenserien angeboten werden, die seinem momentanen Entwicklungsstand ebenso entsprechen wie den zur Zeit individuell möglichen Lernfortschritten. Dabei ist die konsequente Verwirklichung der Aufgabenserien ebenso wichtig wie deren situative Variation.
Die Aufgabenserien dauern zwischen 20 und 90 Minuten und enthalten 20 bis 30 Teilaufgaben. Insgesamt umfassen sie sechs Stunden am Tag. Sie gehen, wie das gesamte Tagesprogramm harmonisch ineinander über. "Die Aufgabenreihen dienen dazu, komplexere Bewegungsabläufe in einzelne Bestandteile zu zergliedern, die dann in einem umfassenderen Sinnzusammenhang erlernt werden." (Fink 1998, 76) Die so gelernten orthofunktionellen Bewegungen müssen in den alltäglichen Tagesablauf eingebaut werden. So wird schrittweise, durch systematisch aufeinander abgestimmte, im Schwierigkeitsgrad steigende Aufgabenserien, das Ziel der Orthofunktion angestrebt.
Die Ziele einer Aufgabenreihe sind erst dann erreicht, wenn
Hier wird noch einmal die Bedeutung der Bewusstheit in der Konduktiven Förderung hervorgehoben. Nicht der motorische Ablauf an sich ist entscheidend, sondern die bewusste Integration dieses Ablaufs in den Alltag. Diese Bewusstheit ermöglicht das Erlebnis eigener Kompetenz. Kompetenzerlebnisse steigern das Selbstvertrauen. Steigendes Selbstverstrauen führt zu wachsendem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Dies motiviert, Neues zu wagen, Ziele höher zu stecken. Diese psychischen Regelkreise - im Sinne einer Aufschaukelung nach oben in Richtung Orthofunktion - werden durch die Aufgabenserien systematisch entwickelt, gelenkt und verstärkt.
Und so werden durch die Konduktive Förderung auch die Voraussetzungen für Flow-Erfahrungen geschaffen: Diese "... werden nicht nur bei hervorragenden athletischen Leistungen erlebt. Olympia-Kämpfer sind nicht die einzigen Begnadeten, die Freude daran finden, über die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit hinauszugehen. Jeder Mensch, wie fit und untrainiert er auch sein mag, kann ein wenig höher steigen, ein wenig schneller gehen, ein bisschen stärker werden. Die Freude, die Grenzen des Körpers zu überschreiten, steht allen zur Verfügung." (Csikszentmihalyi 1992, 134) Dies gilt natürlich auch und erst recht für Behinderte. Wer hätte eine größere Berechtigung, sich über Fortschritte der körperliche Leistung zu freuen, als sie?
Der
enge Zusammenhang zwischen Csikszentmihalyis Theorie des "Flow"
und Petös "orthofunktioneller Spontaneität" wird durch folgendes
Zitat schlagartig deutlich: "Schon der einfachste körperliche Akt
macht Spaß, wenn er so verändert wird, das er flow erzeugt. Die
wichtigsten Schritte bei diesem Prozess sind
(a) sich ein Gesamtziel zu setzen und so viele Unterziele, wie realistischerweise
möglich sind,
(b) Methoden zur Messung des Fortschritts im Hinblick auf das gesetzte
Ziel zu finden,
(c) sich darauf zu konzentrieren, was man tut, und die mit der Tätigkeit
verbundenen Herausforderungen immer feiner zu differenzieren.
(d) die notwendigen Fähigkeiten für die zur Verfügung stehenden Gelegenheiten
zu entwickeln und
(e) die Messlatte höher zu setzen, wenn die Aktivität langweilig wird."
(Csikszentmihalyi 1992, 134 f.)
Es ist kaum zu übersehen, dass Csikszentmihalyi hier das Prinzip der Aufgabenserien im besonderen und der Konduktiven Förderung im allgemeinen beschreibt. Er hebt, genau wie Petö, die Bedeutung von Bewusstheit, Intention und Planung hervor.
Csikszentmihalyi (1992, 135) demonstriert die von ihm beschriebene Methode der Flow-Erzeugung interessanterweise am Beispiel des Gehens. Dies sei eine "einfache Körperfunktion", dennoch könne sie zu einer komplexen "flow-Aktivität" werden, "fast zu einer Kunstform." Dabei könne man sich bewusst Ziele setzen (z. B. Rastplätze, Sehenswürdigkeiten), einen persönlichen Stil entwickeln (z. B. Sparsamkeit der Bewegungen, Leichtigkeit) und natürlich auch Feedback erfahren (Schnelligkeit, Anzahl neuer Eindrücke, neue Gefühle und Ideen während des Gehens).
Csikszentmihalyi (1992, 135 f.) beschreibt sodann verschiedene Formen des Gehens mit steigendem Schwierigkeitsgrad und verschiedenen Arten der Herausforderung (vom Schlendern bis zur Bergwanderung). "Gehen ist die trivialste körperliche Aktivität, doch sie kann grundsätzlich Freude bringen, wenn man sich Ziele setzt und Kontrolle über den Prozess übernimmt." (1992, 136) Dies gilt auch dann, wenn das Gehen eben keine "triviale körperliche Aktivität" ist, sondern dem Gehenden große Mühe bereitet.
Der aus meiner Sicht bedeutendste Unterschied zwischen dem Petö-System und anderen Formen der Hilfe für bewegungsbeeinträchtigte Menschen besteht demgemäß darin, dass die Konduktive Förderung bewusst Erfahrungen anstrebt, die wir heute als Flow bezeichnen. Die wichtigsten Bedingungen, die Flow in der Konduktiven Förderung auslösen, sind das Intendieren und der Rhythmus. Das Rhythmische Intendieren stimuliert Flow-Erfahrungen. Musik und Intention sind nach Csikszentmihalyi eng aufeinander bezogen; er schreibt: "Musik ... hilft dem Verstand, der sich ihr zuwendet, sich zu organisieren, und reduziert daher psychische Entropie oder Unordnung, die wir erleben, wenn zufällige Informationen mit unseren Zielen in Konflikt geraten." (Csikszentmihalyi 1992, 149)
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