Im Petö-System wird die Förderung von sog. Konduktor(inn)en wahrgenommen, die dank ihrer Ausbildung in allen Förderbereichen kompetent und professionell arbeiten können. Dies widerspricht der gängigen Praxis in der Behindertenhilfe. Hier werden die Aufgaben in den einzelnen Förderbereichen einer Vielzahl von Spezialist(inn)en übertragen. Zu diesen zählen Pädagoge/in, Krankengymnast/in, Psychologe/in, Beschäftigungstherapeut/in, Logopäde/in, Schwester/Pfleger, Arzt/Ärztin usw.

Kompetenzen

Die Konduktor(inn)en vereinen nun nicht das ganze Spektrum der Fähigkeiten und Kenntnisse dieser Berufsgruppen in einer Person. Sie haben vielmehr aus diesem Spektrum während ihrer Ausbildung jene fachlichen, sozialen und persönlichen Kompetenzen erworben, die zur Verwirklichung der Konduktiven Förderung erforderlich sind.

Dies bedeutet, dass die Ausbildung der Konduktor(inn)en für die Konduktive Förderung maßgeschneidert wurde. Daraus folgt, dass die Aufgaben der Konduktor(inn)en nicht von Spezialisten anderer Fachrichtungen und auch nicht von einem multidisziplinären Team wahrgenommen werden können. Es leuchtet ein, dass sich einzelne Spezialisten kaum so intensiv mit einer Persönlichkeit auseinandersetzen können wie die Konduktorin bzw. der Konduktor. Dies ist unter den heutigen Bedingungen schon allein aus Zeitgründen ausgeschlossen. Das Konduktive System verlangt aber den systematischen Bezug aller Maßnahmen und aller Förderbereiche auf die Persönlichkeit des Betroffenen. Deswegen muss die Konduktion zwingend in einer Hand liegen. Bereits Petö hat sich für diese Lösung entschieden, weil aus seiner Sicht nur so eine ganzheitliche Förderung möglich ist (vgl. Hári, 1997).

Orthofunktionelle Spontaneität ist eine Form der Lebenspraxis. Die Konduktor(inn)en sind u. a. auch Verhaltensmodelle für orthofunktionelle Spontaneität und Flow. Das Simulationslernen zählt zu den wesentlichen Dimensionen der Konduktiven Förderung. Ein Verhaltensmodell aber ist immer konkret, kann nicht in Teilbereiche zerlegt und auf verschiedene Personen übertragen werden. Sonst erfolgt keine in sich stimmige Imitation.

Im übrigen ahmen Kinder Erwachsene besonders gern und gründlich nach, wenn diese für sie wichtig sind. (Immelmann et al. 1988, 356) Experten, die sich nur um einzelne Aspekte kümmern, werden für das Kind vermutlich weniger wichtig als eine Konduktorin, die es "rundum" betreut.

Petö verglich die Konduktorin (dieser Beruf wird überwiegend von Frauen ausgeübt) mit einer Mutter. Die frühen Lernprozesse des Menschen vollziehen sich weitgehend im Wechselspiel zwischen Mutter und Kind. Die Beziehung zwischen Konduktorin und behindertem Kind ist eine Nachbildung dieser elementaren Form des Lernens und Lehrens.

Die Konduktive Förderung ist ein eigenständiges pädagogisches System. Es ist keineswegs die oberflächliche Verbindung einzelner, voneinander getrennter Fachdisziplinen. Sie kann daher auch nur von Experten fachgerecht praktiziert werden, die diese eigenständige Wissenschaft auf Basis eines umfassenden Curriculums studiert haben. 

Nach Weber (1998, 47) sind die elementaren Kompetenzen der Konduktor(inn)en die

  • positive Grundeinstellung gegenüber dem Klienten,
  • die Fähigkeit zu motivieren sowie
  • die Fähigkeit zur Teilnehmenden Beobachtung.

Diesen drei Basiskompetenzen möchte ich noch eine vierte hinzufügen, nämlich

  • die Fähigkeit, die Voraussetzungen für Flow-Erfahrungen zu schaffen und diese zu stimulieren bzw. zu verstärken. Die Konduktor(inn)en müssen also in der Lage sein, auf den Einzelnen zugeschnittene, herausfordernde Lernsituationen zu kreieren.

Die Vielzahl der weiteren Kompetenzen ergibt sich aus der vorangestellten Beschreibung des Konduktiven Systems. Hierzu zählen u. a. die Förderdiagnostik, die Gestaltung der Räume und des Tagesablaufs, das Rhythmische Intendieren und die Fazilitationen.

All diese Kompetenzen müssen in einen pädagogischen Prozess eingebracht werden, dessen Ziel die orthofunktionelle Spontaneität ist.

Das englische Wort "conductor" bedeutet "Dirigent". Die Aufgabe des Dirigenten ähnelt in der Tat der Funktion einer/s Konduktors/in in der Konduktiven Förderung. Der Dirigent soll seine Musiker führen, um das Zusammenspiel und die Werktreue sicherzustellen. Er soll sie aber nicht gängeln und ihren Enthusiasmus bremsen.

Ein gelungenes Konzert in ein schönes Beispiel für Flow, der eine Vielzahl von Menschen mitreisst: die Musiker, den Dirigenten und das Publikum. Und alle Teilnehmer haben die Chance, sich durch dieses Erlebnis des Flows weiterzuentwickeln. Genauso kann gelungene Konduktion ein Flow-Erlebnis hervorrufen, das zum Beispiel Kinder, Konduktorinnen und anwesende Eltern ergreift. Auch hier haben alle die Chance, durch dieses Erlebnis persönlich zu wachsen. Eine Schlüsselstellung in diesem Flow nehmen die Konduktor(inn)en ein. Entsprechend qualifiziert muss ihre Ausbildung sein.

Weiter: Die Ausbildung der Konduktor(inn)en

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