Petö war seiner Zeit weit veraus. Anders als die damalige Schulmedizin betrachtete er den Menschen nicht als eine Maschine, deren Funktionsstörungen durch mechanische Eingriffe zu beheben waren.

Petö vertrat - wie eingangs erwähnt - die Auffassung, dass durch Schäden des ZNS verursachte Bewegungsstörungen keine Krankheiten seien, sondern Lernstörungen. Er entwickelte, obwohl selbst Arzt, als Konsequenz ein durchgängig pädagogisches System, das er von der Medizin abgrenzte.

Diese rigorose Einstellung wird vielleicht besser verständlich, wenn man sich die Situation in der Geburtsstunde des Petö-Systems vor Augen hält: "In der ganzen Welt wurden die zentralen Bewegungsstörungen von anderen Störungen des Bewegungsapparates getrennt... Die Schädigungen am zentralen Nervensystem sind integrativer Art und waren nirgendwo in der Welt mit den traditionellen Vorgehensweisen erfolgreich zu beeinflussen. Die Behandlung, Bildung und Erziehung dieser Behinderten war auch in Ungarn ein ungelöstes Problem. ... Ein Versuch in Richtung der Wiederherstellung und der Bildung der 'schwerbeschädigten, bildungsunfähigen' Kinder wurde nicht unternommen, obwohl den statistischen Angaben nach jährlich 700 solcher Kinder geboren wurden." (Hári 1997, 26)

Das damalige medizinische System war also nicht in der Lage, den betroffenen Menschen mit "traditionellen Vorgehensweisen" zu helfen. Daraus schloss das medizinische Establishment, dass diese schwerbehinderten Menschen auch "bildungsunfähig" seien. Wer dennoch versuchte, sie zu fördern, galt nur zu leicht als Scharlatan. Auch Petö musste sich diese Verunglimpfung von ärztlichen Kollegen gefallen lassen.

Maschinenparadigma des Menschen

Und so wird Petös Haltung verständlich, sein neues, wirksames Verfahren von den traditionellen, aber unwirksamen Methoden abzugrenzen. Grob vereinfacht beruht das Ärzt-Patient-Verhältnis der klassischen Medizin auf dem Schema: Hier der passive, unwissende, sich den Anweisungen des Arztes fügende Patient - dort der aktive, wissende, die Behandlung steuernde Arzt. Demgegenüber setzte Petö auf die Aktivität, die Bewusstheit und die Intention des bewegungsgestörten Menschen. Die Konduktoren sollten motivieren, Hilfe zur Selbsthilfe gewähren und - wie wir heute schreiben würden - die Voraussetzungen für Flow schaffen.

Auch hier zeigt sich, dass Petö seiner Zeit weit voraus war. In der Tat behandelte die traditionelle naturwissenschaftliche Schulmedizin den Menschen letztlich wie eine Maschine. Diese medizinische Sichtweise und Praxis entstand als Kind des damaligen Zeitgeistes im 19. Jahrhundert. Die Verfahren der Medizin hatten sich der naturwissenschaftlichen Methode zu unterwerfen, "die allein auf dem Weg der Erfahrung voranschreitet; sie bedient sich dabei der vorgegebenen Baupläne der Körper und der Gesetze der Mechanik. Sie probt in dieser materiellen Gesetzlichkeit alle Möglichkeiten durch. Sie experimentiert und erfährt eindeutig, ob sich die eingeschlagenen Wege als richtig oder als falsch erwiesen haben." (Schipperges 1982, 50) Nach diesem Verständnis ist Medizin angewandte Naturwissenschaft und weiter nichts.

Die atemberaubenden Fortschritte, die mit der Anwendung naturwissenschaftlicher Prinzipien, nicht nur in der Medizin, verbunden waren, schienen dieses ärztliche Selbstverständnis zu bestätigen. Die Medizin entwickelte sich von der Heilkunst früherer Jahrhunderte zunehmend zur Heiltechnik auf naturwissenschaftlicher Grundlage. Die medizinische Forschung versenkte sich ins Detail und verlor tendenziell den ganzen Menschen aus dem Blick. "Die Hauptstoßrichtung in der medizinischen Forschung hat zur Folge, dass wir den Krankheitsprozess hauptsächlich auf der Ebene des Moleküls verstehen. Das Molekül ist für den Biowissenschaftler, was das Quark für den Teilchenphysiker ist: die grundlegende Maßeinheit, deren Störung einen ganzen Sturzbach von Dysfunktionen in Bewegung setzt, welche wir dann als klinische Erkrankungen diagnostizieren. Aus diesem Grund bezeichnen wir das moderne medizinische Modell als die Molekulartheorie von Krankheitsursachen." (Dossey 1984, 28)

Ein Paradigmenwechsel zeichnet sich ab

Heute zeichnet sich in der Medizin allerdings ein "Paradigmenwechsel" ab. Die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise wird zunehmend um psychologische, sozialwissenschaftliche, pädagogische und philosophische Gesichtspunkte ergänzt. Dieser Paradigmenwechsel wird nicht zuletzt auch durch die Kostenexplosion in unserem Gesundheitssystem verursacht. Es zeigte sich: (1) die moderne Heiltechnik ist effektiv, aber auch sehr teuer, es stellt sich also die Frage nach ihrer Effizienz, (2) psychische Faktoren spielen im Ursachenbündel von Krankheiten und vor allem bei ihrer Heilung eine von der naturwissenschaftlichen Medizin offenbar unterschätzte Rolle. Und so werden die Stimmen lauter, die sich von einer Integration naturwissenschaftlicher und psychologisch-pädagogischer  bzw. sozialwissenschaftlicher  Ansätze auf Grundlage einer neuen Ethik und eines neuen Menschenbildes eine humanere, effizientere und somit letztlich auch kostengünstigere Medizin versprechen.

Als Petö die Konduktive Förderung entwickelte, war der medizinische Zeitgeist allerdings noch weit von derartigen Einsichten entfernt. Der naturwissenschaftlich-technische Optimismus war noch ungebrochen. Dies bedeutete keineswegs, dass sich alle medizinischen Probleme lösen ließen. Dies zeigt zum Beispiel die damalige Situation der zentral Bewegungsgestörten. Doch wer sich einem Paradigma verschrieben hat, neigt dazu, alles Abweichende zu übersehen, zu verleugnen oder zu verdrängen.

Nur zu leicht fällt dann die Diagnose "unheilbar" bzw. "bildungsunfähig". Innovative Köpfe, die mit neuen Methoden neue Wege beschreiten, müssen sich in harten Kämpfen durchsetzen. Dabei handelt es sich überwiegend um politische Kämpfe und weniger um wissenschaftliche Auseinandersetzungen. In der Politik aber dominiert stets das Freund-Feind-Schema: hier die Guten, dort die Bösen, hier die Wahrheit, dort der Irrtum, hier der Königsweg, dort der Irrweg. Dies ist menschlich und verständlich. Der Sache aber dient es nicht.

Ein "Sowohl-als-auch" ist oftmals angemessener als das harte, politische "Entweder-oder". Aus meiner Sicht gehört Konduktive Förderung sowohl zur Medizin, als auch zur Pädagogik. Sie erbringt eine medizinische Leistung mit pädagogischen Mitteln.

Konduktive Förderung als Krankenbehandlung

Gerade unter den Bedingungen eines sich abzeichnenden Paradigmenwechsel halte ich es nicht für sinnvoll, die Konduktive Förderung als Pädagogik streng von der Medizin abzugrenzen. Auch wenn sie sich nicht nur auf die Bewegungsstörung, sondern auf die gesamte Lebenspraxis der Betroffenen bezieht, ist sie eindeutig eine Krankenbehandlung. 1958 hat zwar der Bundesgerichtshof in Anlehnung an die Reichsversicherungsordnung Krankheit noch wie folgt definiert: Krankheit ist eine Störung des Körpers, die geheilt, das heißt beseitigt oder gelindert werden kann." (Schipperges 1982, 96) Inzwischen setzt man in der Rechtsprechung einen wesentlich weiteren Krankheitsbegriff voraus, der sich auch auf psychische und soziale Störungsbereiche bezieht.

In der Psychotherapie arbeiten Ärzte und entsprechend ausgebildete Psychologen eigenverantwortlich für das gleiche Ziel: die Heilung oder Linderung psychischer Krankheiten. Das neue Psychotherapeutengesetz stuft folgerichtig die ärztliche und die psychologische Psychotherapie als gleichrangig ein. Man könnte dieselbe Logik auch auf die Arbeit ausgebildeter Konduktor(inn)en anwenden. Im Augenblick wäre es sicher zu früh, diese Gleichstellung zu fordern. Die Konduktive Förderung muss sich zunächst in Deutschland etablieren und auch im Licht empirischer Studien bewähren. Grundsätzlich gilt, dass die sich entwickelnde neue Sicht von Krankheit und Gesundheit sich in Zukunft auch in der Rechtsprechung niederschlagen muss. Dann aber müssen auch Fragen der Finanzierung von Behandlungen neu bedacht werden. Die Verteilung von Zuständigkeiten zwischen Kosten- bzw. Leistungsträgern für Behandlung, Betreuung und Rehabilitation beruht zum Teil auf Begriffen von Gesundheit und Krankheit, die dem 19. Jahrhundert entstammen. Sie halten neueren Einsichten nicht mehr stand.

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