Petös Bedeutung beschränkt sich also keineswegs auf den Bereich der zentralnervös bedingten Bewegungsstörungen. Sein Werk ist  darüber hinaus ein wesentlicher Beitrag zur Entwicklung eines neuen Paradigmas für alle wissenschaftlichen und praktischen Disziplinen, die sich mit dem Menschen auseinandersetzen. In diesem neuen Paradigma wird der Mensch nicht nur als Objekt behandelt, sondern zugleich auch als Subjekt ernst genommen.

Faszination und Modernität

Petös System vermag trotz unzulänglicher theoretischer Untermauerung und empirischer Absicherung auch skeptische Geister zu faszinieren. Dies liegt vermutlich nicht nur am langjährigen praktischen Erfolg und an wachsender internationaler Anerkennung. Der Hauptgrund ist wohl eher die verblüffende Modernität eines über fünfzig Jahre alten Systems. Es scheint, dass Petös Gedanken durch den gegenwärtigen Wandel des medizinischen Paradigmas zunehmend besser verstanden werden. In dem Maße, wie mit dem alten Paradigma verbundenen Tabus und Vorurteile fortschreitend abgebaut oder zumindest in Frage gestellt werden, steigt die Bereitschaft, sich auf die Ideen der Konduktiven Förderung einzulassen.

Wir erkennen heute, dass Gesundheit mehr ist als die Abwesenheit körperlicher Störungen. Gesundheit bedeutet die Harmonie körperlicher, psychischer und geistiger Faktoren. Diese Harmonie setzt einen aktiven, selbstbewussten Menschen voraus,

  • der sich eigene Ziele setzt,
  • sich in seine Handlungen zu vertiefen vermag,
  • den Ereignissen um ihn herum volle Aufmerksamkeit zu schenken fähig ist
  • und der gelernt hat, sich an der unmittelbaren Erfahrung zu freuen,

kurz: der im Flow ist.

Petö entwickelte die Konduktive Förderung auf Basis dieses modernen Gesundheitsbegriffs und eines ebenso modernen Körperbegriffs. Indem er die Bedeutung der Bewusstheit und der Sprache für die körperliche Bewegung hervorhob, trat er in Widerspruch zur naturwissenschaftlich geprägten Medizin seiner Zeit. Diese betrachtete den Körper eher als ein aus "fühllosen Organen zusammengesetztes Uhrwerk." (Dossey 1984, 310) Im Licht der neueren psycho-neurophysiologischen Forschung wird jedoch deutlich, auch die Körperteile "denken", mehr noch: "Das Wechselspiel zwischen autonomer Kontrolle  und Kontrolle durch die höheren Gehirnzentren ist so vielschichtig und zeichnet sich durch so fließende Übergänge aus, dass schon allein die Vorstellung von 'einzelnen Körperteilen' auf recht brüchigen Fundamenten aufgebaut ist." (Dossey 1984, 310) Dossey plädiert für eine neue Sichtweise des Körpers; er nennt sie "der totale-Körper-als-Bewusstsein".

Auch die Biofeedback-Forschung zeigt, wie tiefgreifend das Bewusstsein in körperliche Prozesse einzugreifen und die sog. Autonomen Prozesse zu beeinflussen vermag. "Die Biofeedback-Methode", schreibt Frederik Vester in seiner Schrift "Neuland des Denkens", "gewinnt zunehmend an Boden und ist ein großartiges Mittel, den Patienten zu einer aktiven Kommunikation mit seinem Körper und dadurch zu dessen Beeinflussung ohne jedes Medikament zu bringen." (Vester 1986, 199) Mit den Methoden der "neuro-biolo­gischen Rückkoppelung" könne man zum Beispiel Herzschlag, Blutdruck und die Sekretion von Magensäure, ja, sogar die eigenen Gehirnwellen kontrollieren.

Ein Prophet des Paradigmenwechsels in Medizin und Pädagogik

Thure von Uexküll prägte den Begriff einer "subjektiven Anatomie". Diese sei "als Lehre vom erlebten Körper ... einerseits Ergänzung und Korrektur für das Maschinenparadima des Menschen, das die naturwissenschaftliche Medizin beherrscht. ... Andererseits ist die subjektive Anatomie auch der Boden, ohne den die psychologische Medizin ihre Lebendigkeit verliert." (Uexküll et al. 1994, VIII). Die subjektive Anatomie ist laut Uexküll ein Beitrag zum "längst fälligen Paradigmenwechsel der Medizin". Wenn dies zutrifft, dann war Petö einer der frühen Propheten dieses Paradigmenwechsels. Er war nicht nur ein Prophet des Paradigmenwechsels in der Medizin, sondern auch in der Pädagogik. Auch in diesem Bereich verliert der Behaviorismus zunehmend an Einfluss. Wie erwähnt, konzipiert die behavioristisch orientierte Pädagogik den Menschen als Automaten, der durch äußere Reize und Verstärkungen programmiert wird.

Die Verstärkung durch äußere Verstärker, zum Beispiel durch Belohnungen erzeugt die sog. extrinsische Motivation. Intrinsisch motiviert ist demgegenüber eine Handlung, die dem Handelnden selbst Freude bereitet bzw. von ihm als sinnvoll erlebt wird - unabhängig von ihren direkten äußeren Konsequenzen. Der intrinsisch Motivierte handelt also nicht fremdbestimmt, sondern aus eigenem Antrieb.

Während die behavioristische Pädagogik sich auf die extrinsische Motivation konzentrierte, betonen neuere Positionen die Bedeutung der intrinsische Motivation des Lernens. Intrinsisch motiviertes Lernen wird als die effektivere und zugleich befriedigendere Form der Aneignung von Wissen und Kompetenzen betrachtet.

Die intrinsische Motivation ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich der Prozess des Lernens in ein Flow-Erlebnis verwandelt. In einem Aufsatz mit dem Titel "Gedanken über Erziehung" schreibt Csikszentmihalyi (1996): "Schreiben, Lesen oder jedes andere Schulfach werden viel bereitwilliger und gründlicher gemeistert, wenn es dem Schüler gelingt, eine intrinsische Motivation beim Lernen zu entwickeln." Und weiter: "Ein Lehrer, der die Bedingungen kennt, unter denen Menschen gerne lernen, ... ist in der Lage, die Lernaktivität in eine Flow-Erfahrung zu verwandeln." (Csikszentmihalyi 1996)

Petö war also auch ein früher Prophet des Paradigmenwechsels in der Pädagogik. Sowohl die traditionelle naturwissenschaftliche Medizin, als auch die behavioristische Pädagogik ließen sich vom Maschinenparadigma des Menschen (Uexküll) leiten. Diese Sichtweise war Petö in beiden Bereichen fremd. Sein Ideal war der selbstbestimmte, sich Ziele setzende, spontane und aktive Mensch. Dieser Mensch sollte nicht nur extrinsisch motiviert sein, sein Handeln also ausschließlich an den äußeren Konsequenzen (Lohn und Strafe) ausrichten.

Da Petö die intrinsische Motivation und die Erziehung zur Selbständigkeit in den Vordergrund rückte, arbeitete er auch nicht mit direktiven Methoden. Er motivierte vielmehr indirekt durch die stimulierende Gestaltung der Lernbedingungen und der konduktiven Programme sowie durch gruppendynamische Prozesse. Vor allem aber wird die intrinsische Motivation in der Konduktiven Förderung durch Sprache und Rhythmus (Rhythmisches Intendieren) entwickelt.

Im übrigen führt auch der beste, wenn nicht einzige Weg zur Stimulation und Verstärkung der Selbstheilungskräfte über die intrinsische Motivation. Zu den Selbstheilungskräften zählen der natürliche Bewegungsdrang, auch des körperbehinderten Menschen, die mitreißende Dynamik der Gruppe (intrinsische Gruppenmotivation) sowie die selbstkorrigierenden Tendenzen des Gehirns (Plastizität).

Inhalt

Startseite Petö

Grundideen der Konduktiven Förderung
András Petö
Zielgruppen der Konduktiven Förderung
Ziele der Konduktiven Förderung
Zentrale Methoden der Konduktiven Förderung
Die Konduktorinnen
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Literatur
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