LSD ist ein halluzinogenes Mutterkornalkaloid, das erstmals 1938 von dem Schweizer Chemiker Albert Hofmann synthetisiert wurde.
Das Mutterkorn ist ein Dauermyzelgeflecht (Pilzfäden) des Mutterkornpilzes. Es ist ein potentes Halluzinogen - manche meinen jedoch, es zeige die Wirklichkeit, so wie sie tatsächlich ist.

Kann das Halluzinogen LSD eine Hilfe zur Meditation sein - oder führt diese Droge in die Irre?
psychoscripte lässt zwei Experten zu Wort kommen: den buddhistischen Denker Lama Anagarika Govinda und den LSD-Pionier Myron J. Stolaroff.

Govinda

Der buddhistische Philosoph Lama Anagarika Govinda (1898 – 1985) war einer der bedeutendsten Brückenbauer zwischen dem religiösen Denken Tibets und der europäischen Kultur und Glaubenswelt. Er war Deutscher und wurde auf den Namen Ernst-Lothar Hoffmann getauft. Nach langen Jahren in Asien ging er in die Vereinigten Staaten und starb hochbetagt in Kalifornien.

In seiner Schrift „Buddhistische Reflexionen“ findet sich ein kurzer, höchst bemerkenswerter Aufsatz unter dem Titel: „Hintertüren zur Erleuchtung? – Gedanken zur ‚Bewusstseinserweiterung’ durch Drogen“. Bereits in den einleitenden Sätzen stellt Govinda klar, was er von einer angeblichen Bewusstseinserweiterung durch Drogen hält: „Der menschlichen Torheit sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt...“ Er bezieht sich in seiner Schrift vor allem auf das „durch die Gurus einer bestimmten Szene als Meditationsmittel propagierte LSD“. Unter Berufung auf Jean Gebser betont er, dass es auf dem Weg zur Erleuchtung gar nicht auf eine Bewusstseinserweiterung ankomme, sondern auf eine Bewusstseinsintensivierung. Die Anhäufung einer immer größeren Zahl zusammenhangsloser Bruchstücke aus der Innenwelt sei letztlich nur dem Horten isolierter Fakten in der westlichen Wissenschaft vergleichbar. Der „Atomismus“ der am Leitbild der Physik orientierten rationalistischen Wissenschaft finde sein Gegenstück in den „aus tausend Splittern und Bruchstücken zusammengesetzten Bilder(n) der psychedelischen Kunst“.

Der Hauptunterschied zwischen den durch LSD und durch Meditation hervorgerufenen Bewusstseinszuständen bestünde darin, „dass LSD uns jeder Kontrolle beraubt“, während die Meditation ein schöpferischer Vorgang sei, „der aus dem ungebändigten Widerstreit innerer Kräfte einen sinnvollen Kosmos entstehen lässt.“ Die Meditation schaffe schrittweise ein inneres Zentrum und führe uns zur inneren Mitte in der Tiefe unseres Bewusstseins. Die Wirkung des LSD jedoch entferne uns von diesem Zentrum. Die LSD-Erfahrung sei eine „sich immer weiter zersplitternde Vielheit beziehungsloser und dauernd wechselnder Projektionen unterbewusster Inhalte.“

Durch LSD wird, so Govinda, dass Erbe unserer Vergangenheit und letztlich des gesamten Universums an die Oberfläche gespült. Es handelt sich hier um die Gesamtheit aller Daseinsformen, aller Lebenszustände, „von den blinden Auswüchsen tierisch-dämonischer Triebe und grausamer Leidenschaften bis zu den Auswirkungen göttlicher und erleuchteter Wesen“. Diese LSD-Visionen sollten aber nicht mit der wahren Buddha-Natur des Menschen verwechselt werden.

Und selbst wenn durch LSD Erfahrungen ausgelöst werden, die denen der Meditation ähneln, so seien sie dennoch für den LSD-Konsumenten wertlos, da er die psychische Symbolsprache nicht zu deuten wisse. Dazu sei er nicht in der Lage, weil er den Weg von der Peripherie des normalen Wachbewusstseins zur inneren Mitte des Tiefenbewusstseins übersprungen habe. Dieser Weg bestünde in einem stufenweisen Vordringen, bei dem der Meditierende von allen Funktionen des Denkens, Fühlens und der Intuition Gebrauch mache.

Für Govinda ist LSD also keine Hintertür zur Erleuchtung. Wer mit seiner Hilfe in die Tiefen des universellen Bewusstseins hinabsteigt, wird „von ihm verschlungen oder treibt wie ein steuerloses Schiff, das sich in der unbegrenzten Weite des Ozeans verliert, dem Untergang entgegen.“

Dies ist ein hartes Urteil. Angesichts zahlloser junger Menschen, die ohne ausreichendes geistiges Rüstzeug im Sprint Buddhas werden wollten und in heilloser Verwirrung endeten, hat dieses Urteil jedoch durchaus eine empirische Basis. Doch genau hier kann auch die Kritik der Position Govindas ansetzen. Es stellt sich nämlich die Frage, ob sich die von Govinda beschriebenen negativen Aspekte der LSD-Erfahrung zwangsläufig oder nur unter bestimmten Bedingungen einstellen. Gibt es eine Methodik, um die von Govinda beschriebenen Gefahren zu bannen?

Stolaroff

Myron J. Stolaroff ist ein LSD-Pionier, der nach seiner ersten LSD-Erfahrung im Jahr 1956 erklärte, dass diese Droge die wichtigste Entdeckung der Menschheit sei. Stolaroff, ein Elektroingenieur mit Führungserfahrung in der Industrie, erforscht seit 1961 systematisch die Wirkung von LSD und verwandter Drogen. Er beschäftigt sich insbesondere mit der Frage, ob man mit psychedelischen Drogen die Praxis der Meditation fördern kann. Er schrieb zwei Bücher und eine Reihe von Zeitschriftenartikeln zu dieser Thematik.

In seinem Artikel „Are psychedelics useful in the practice of Buddhism?“ beschreibt Stolaroff fünf Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit psychedelische Drogen die meditative Praxis wirksam fördern können.

  • Ethischer Rahmen: Eine tragfähige ethische Grundhaltung ist zur Integration psychedelischer Erfahrungen unbedingt erforderlich.
  • Vorbereitung: Der Nutzer psychedelischer Drogen muss grundlegend über die Wirkungsweise der Droge informiert sein. Er muss wissen, welche Erfahrungen zu erwarten sind, von welchen Faktoren sie beeinflusst werden, wie er mit ihnen umgehen muss und welche Bedeutung innere Einstellung und äußere Umstände besitzen. Es ist entscheidend, dass der erste „Trip“ von einem erfahrenen Führer begleitet wird. Er muss hochdosiert sein, um transpersonale Ebenen zu erreichen. Dadurch bekommt der folgende Prozess eine übergreifende Perspektive.
  • Die Substanz muss unverfälscht und die Dosis angemessen sein.
  • Es ist wichtig, während der Erfahrung mit psychedelischen Drogen mentale Stabilität anzustreben und aufrecht zu erhalten. Dies kann u. a. durch Atemtechniken geschehen.
  • Nur die tägliche meditative Praxis kann von der psychedelischen Erfahrung profitieren. Erst wenn die psychedelische Erfahrung durch die meditative Arbeit vollständig ausgeschöpft wurde, ist eine weitere Drogenerfahrung sinnvoll.

Govinda oder Stolaroff?

Aufgrund des Verbots von LSD und verwandten Drogen ist heute nicht möglich, zwischen den Positionen Govindas und Stolaroffs auf dem Wege der experimentellen, empirischen Forschung zu entscheiden. Für beide Auffassungen lassen sich zweifellos gute Argumente finden, und mit diesen Argumenten könnte man endlose Debatten führen. In den ersten Jahrzehnten nach ihrer Entdeckung konzentrierte sich die LSD-Forschung vor allem auf zwei Fragestellungen: 1. Kann LSD die Effektivität der Psychotherapie steigern (Psychiatrie)? 2. Eignet sich LSD zur Gehirnwäsche (CIA)? Aus meiner Sicht sind LSD und verwandte Substanzen für beide Zielsetzungen nur sehr eingeschränkt geeignet. Ob sie das Bewusstsein im spirituellen Sinne erweitern oder intensivieren, wage ich ebenfalls zu bezweifeln. Aber ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass sie bei emotional stabilen Menschen zur Vorbeugung psychischer Erkrankungen dienen und bei der Entwicklung einer erfüllten Lebensführung außerordentlich hilfreich sein könnten. Diese Drogen setzen vorübergehend Abwehrmechanismen außer Kraft und erlauben so u. U. die rechtzeitige Korrektur falscher Weichenstellungen im Leben. Dazu wäre selbstverständlich in der Regel eine qualifizierte, fachlich kompetente Anleitung erforderlich.

Angesichts der gegebenen Rechtslage sind dies allerdings höchst unrealistische Wunschvorstellungen. Vielmehr wird eine wachsende Zahl junger Menschen auch weiterhin ohne qualifizierte Anleitung auf Partys oder im Stillen Kämmerlein mit illegalen Psychedelika experimentieren, die vom Schwarzmarkt stammen und deren Qualität daher keinerlei Kontrolle unterliegt.

Literatur

Govinda, A. (1983). Buddhistische Reflexionen. Die Bedeutung von Lehre und Methode des Buddhismus für westliche Menschen. Bern, München Wien, Scherz Verlag, Otto Wilhelm Barth Verlag

Lee, M. A. & Shlain, B. (1992). Acid Dreams. The Complete Social History of LSD: The CIA, the Sixties, and Beyond. New York, Grove Press

Stolaroff, M. J. (1999). Are psychedelics useful in the practice of Buddhism. Journal of Humanistic Psychology, Vol. 39, No. 1, 60-80


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