Marathon-Läufer, Triathleten und andere Extremsportler berichten von Augenblicken höchster Verzückung, die sich einstellen, wenn sie ihren toten Punkt überwunden und ihre Grenzen überschritten haben. Weniger durchtrainierte Menschen, die sich schinden, um "Runners High" zu erfahren, erleben statt dessen eine herbe Enttäuschung.

Die Läufer am Ufer

Morgens oder abends schlendere ich gern am Ufer eines Sees entlang, der sich in der Nähe meiner Wohnung am Stadtrand Nürnbergs befindet. Dort begegnen mir immer wieder Menschen, die sich zu einer schärferen Gangart durchgerungen haben. Dicke und Dünne, Alte und Junge, Männer und Frauen rennen oder watscheln oder schlurfen oder hopsen an mir vorbei. Sie schwitzen und keuchen - und ihre Mienen sind oft finster oder verzerrt. In ganz seltenen Fällen strahlen die Gesichter - und das meist auch nur, wenn die Läufer soeben in die etwas gemächlichere Gangart heruntergeschaltet haben.

Eines Abends setze ich mich auf eine Bank, um mein Leib- und Magenblatt zu studieren, eine Zeitung mit großen Lettern und bunten Bildern. Auf der letzten Seite springt mir eine Überschrift ins Auge, die so gar nicht zu den hechelnden, unglückseligen Gestalten passt, die sich an meiner Bank vorbeiquälen: "Süchtig nach Sport".

In Amerika, so heißt es im Text, seien bereits Zehntausende in psychotherapeutischer Behandlung. Für diese Menschen sei die extreme Belastung durch Joggen, Hanteln Stemmen oder ähnliche gesundheitsfördernde Betätigungen zum einzigen Lebensinhalt geworden. Der Grund: Das brutale Training setze Glückshormone frei, die euphorische Trancezustände auslösen und wie Rauschgift wirken: Endorphine.

Fettsucht und Laufsucht

Eine Frau mittleren Alters setzt sich neben mich auf die Bank. Sie keucht und schwitzt. Es ist ungewöhnlich, dass sich Frauen in freier Natur neben ihnen unbekannte Männer auf eine Bank setzen. Aber es ist weit und breit die einzige Sitzgelegenheit, und die Dame hat sich wohl etwas übernommen. Der Schalk reitet mich. Als sie wieder etwas zu Atem gekommen ist, frage ich sie, ob die Zeitung recht habe, ob es denn stimme, dass man vom Joggen süchtig werden könne. Sie schaut mich entgeistert an und wirft dann einen flüchtigen Blick auf das Boulevardblatt, das ich ihr unter die Nase halte. Sie sucht allerdings nicht, wie von mir befürchtet, sofort das Weite; dazu sind vielleicht auch die Beine noch zu matt.

"Blödsinn", sagt sie. "Gucken sich mich doch bloss an!"

Sie senkt ihren Blick und betrachtet ihre Leibesfülle. Und ihr gequältes Gesicht verrät: Bei ihr jedenfalls hat sich zur Fettsucht keineswegs eine Laufsucht hinzugesellt.

Glückshormone

Dieses Bild zeigt Runners High - unter dem Einfluss von LSD betrachtet

Als "Glückshormone" werden in den bunten Blättern, aber auch in der populärwissenschaftlichen Literatur gern jene Botenstoffe im Nervensystem bezeichnet, die der Körper z. B. bei starker und langandauernder physischer Anstrengung freisetzt. Die Wissenschaft nennt sie Endorphine. Ein hoher Endorphin-Spiegel kann mit folgenden Wirkungen verbunden sein:

  • Schmerzhemmung
  • Beruhigung, Angstlösung
  • wohlig-glückliche Stimmung bis zur rauschartigen Ekstase (Trance)
  • Wahrnehmungsteigerung
  • Depressionslösung
  • Hustendämpfung
  • Pupillenverengung
  • Blutdrucksenkung

Dem Kenner der Drogen fällt auf, dass dies auch die Wirkungen von Opiaten sind. Und darum heißen diese Substanzen auch Endorphine. Diese Wortschöpfung steht für "endogene Morphine" - körpereigene Morphine. (5) Die Endorphine wurden Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts entdeckt und führten rasch zu wilden Spekulationen über Sportsucht ("exercise addiction") bzw. über Möglichkeiten, durch Marathonläufe und andere Brachialkuren die Sucht nach Heroin oder Alkohol - gleichsam kompensatorisch - zu kurieren. Diese Spekulationen fanden wenig Nachhall in der Wissenschaft, die skeptisch blieb, führten allerdings dazu, dass in manchen Therapiezentren für Drogenabhängige der Behandlungsfortschritt in Kilometern gemessen wurde.

Bedeutung der Endorphine

Wenn die laufbegeisterten Drogentherapeuten allerdings die empirischen Untersuchungen zu diesem Thema studiert hätten, dann wäre ihnen aufgefallen, dass sich ein nennenswerter Endorphin-Anstieg nur bei hochtrainierten Sportlern oder höchst intensiver Belastung feststellen lässt. Es kann sogar zu einem Absinken des Endorphin-Spiegels nach körperlicher Anstrengung kommen. Ob es aber gelingen kann, eine nennenswerte Zahl von Drogenabhängigen in ein paar Monaten stationärer Therapie in Sportcracks zu verwandeln, bleibt dahingestellt.

Überdies führen auch durch sportliche Anstrengung erzeugte Endorphin-Anstiege nicht zwangsläufig zu Stimmungsverbesserungen, mitunter ist sogar das Gegenteil der Fall. Die Befunde sind also gar nicht so eindeutig, wie uns sportbegeisterte Journalisten und oberflächliche Sachbauchautoren weismachen wollen. Darüber hinaus sind fast alle Studien zu diesem Thema mit methodischen Mängeln behaftet, die ihre Aussagekraft einschränken.

Der Endorphinforscher Oliver Stoll schreibt: "Betrachtet man die Endorphin-Theorie unter streng pharmakologischen und naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten, verliert dieser Ansatz immer mehr an Bedeutung." (6) Die Endorphine sind eben nur ein Faktor in der menschlichen Stimmungsregulation - und trotz aller Ähnlichkeiten im potentiellen Wirkungsspektrum sind die "körpereigenen Morphine" nicht identisch mit Opiaten wie Heroin oder Methadon.

Dennoch berichten viele Langstreckenläufer durchaus überzeugend, dass sie häufig ein "Runners High", eine euphorische Hochstimmung erleben, nachdem sie den "toten Punkt" überwunden haben und von einem mitreißenden Gefühl der Kraft durchströmt werden. An diesem Phänomen sind u. U. auch die körpereigenen Morphine beteiligt, die ja durchaus Erschöpfungsschmerzen betäuben können. Zusätzlich aber dürften eine Vielzahl weiterer physiologischer, vor allem aber auch psychologischer Faktoren für das "Runners High" verantwortlich sein. Und so könnte ich mir durchaus vorstellen, dass die Monotonie des Laufens und die zunehmende Erschöpfung mit der Zeit einen autohypnotischen Zustand hervorruft. In diesem suggestiven Zustand kann sich dann der Läufer durch einen inneren Monolog besonders wirkungsvoll motivieren und seine Stimmung postiv beeinflussen.


(5) Josef Zehentbauer: Körpereigene Drogen. Die ungenutzten Fähigkeiten unseres Gehirns. Düsseldorf, Zürich, München (Artemis & Winkler Verlag), 1997

(6) Oliver Stoll: Endogene Opiate, "Runners High" und "Laufsucht" - Aufstieg und Niedergang eines "Mythos"

Inhalt

Trance-Formation
Schamanenflug
LSD-Trance
Runners High
Die Trancen der Liebe


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