Freud betrachtete die Traumdeutung als Königsweg (via regia) ins Unbewusste. Die Sprache des Traums zeichnet sich nach Freud durch archaische Elemente aus. Sie sei reich an symbolischen Beziehungen, bildhaft und primitiv. Sie habe sich vor unserer Denksprache entwickelt. Der Traum, so Freud, ist eine Manifestation der stammesgeschichtlich älteren Arbeitsweisen des seelischen Apparates.

Traum und Wunscherfüllung

Wenn wir etwas als "unseren Traum" bezeichnen, dann meinen wir damit etwas Wünschenswertes, aber nicht Reales. Für den Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud war der Traum eine "Erzählung", die einen oder mehrere Wünsche ausdrückt. Auf den ersten Blick sei der Traum verwirrend und rätselhaft. Doch die Analyse verdeutliche, dass er der unverfälschte Ausdruck der oft verborgenen und uneingestandenen Wünsche des Träumers sei. (1)

Traumdeutung

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Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch

Ein Beispiel für einen wunscherfüllenden Traum berichtet Ignaz Jezower in seinem Buch der Träume: Der Träumer "träumte lebhaft von einer brünetten Dame mit äußerst eindrucksvollen und sinnlichen Augen. Im Traume machte er sich die Dame zu eigen und wachte mit einem starken Eindruck auf, der längere Zeit anhielt. Zwei oder drei Tage später begegnete er ... einer Dame, und zitternd erkannte er sie als diejenige wieder, die im Traume bei ihm gewesen war." (2) Jezower teilt diesen Traum in dem Kapitel über "okkulte Fähigkeiten im Traume" mit; die Dame war dem Träumer also noch nicht bekannt, als er von ihr träumte. Die Vorstellung des geträumten sexuellen Verkehrs mit dieser Dame empfand er im wachen Zustande offensichtlich als peinlich. Ob er sich wohl an die geträumte Sexualpartnerin erinnert hätte, wenn sie ihm zuvor bekannt gewesen wäre?

Für Freud stand fest, dass jeder Traum der Wunscherfüllung diene, und so interpretierte er jeden Traum, der ihm berichtet wurde, in diesem Sinne. Da er ein phantasievoller und begabter Schriftsteller war, fand er natürlich immer einen Weg, auch die scheinbar banalsten und alltäglichsten Vorgänge mit geheimen Wünschen aus dem Reich der Begierden zu verbinden. Was seine Freunde als psychologischen Spürsinn bewunderten, verspotteten seine Gegner als alberne, erotomane Spitzfindigkeiten.

Viele der heutigen Psychoanalytiker beharren nicht mehr auf dieser rigorosen Position des Altmeisters. Aber unter Laien hält sich nach wie vor das Gerücht, wenn man von einem Kirchturm träume, dann symbolisiere dieser stets den Penis, eine Vase sei gleichbedeutend mit der Vagina, und mit einer Luftpumpe in Aktion könne eigentlich nur der Geschlechtsverkehr gemeint sein. Besonders schlimm ist es, wenn man einen Reifen aufpumpen will, dieser aber partout nicht straff werden mag. Es ist wohl kaum zu übersehen, dass die Psychoanalyse derartigen Überlegungen einen beträchtlichen Teil ihrer Popularität verdankt. Heute allerdings hat sich die Psychologie verwissenschaftlicht - und solche Pikanterien sind in diesen Kreisen nicht mehr en vogue. Und so musste sich auch die psychoanalytische Theorie des Traums dem Zeitgeist beugen. Schade eigentlich.

Auf ihr wurden Träume wach, die zu den berühmtesten der Wissenschaft zählen: Freuds Couch.

Weitere Funktionen des Traums aus psychoanalytischer Sicht

Seit Freud wurden dem Traum also von Psychoanalytikern neben der Wunscherfüllung zusätzliche Funktionen zugeschrieben. So wird der Traum auch als Problemlösungsversuch oder als Selbstdarstellung gesehen. Die Wunscherfüllung als einheitliches Erklärungsprinzip wurde also zugunsten weiterer Konzepte aufgegeben, die der Vielfalt des Traumgeschehens besser gerecht werden sollen. (3)
Doch unabhängig von diesen theoretischen Entwicklungen hat die Traumdeutung ihre herausragende Bedeutung für die Praxis der Psychoanalyse im Sinne Freuds und anderer tiefenpsychologischer Verfahren nicht verloren. Dies unterscheidet diese Methoden von den Verfahren, die seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Konkurrenz zur Psychoanalyse und ähnlichen Konzepten entstanden sind. Diese neuen Verfahren beschäftigen sich nicht mit den Träumen und anderen Botschaften aus dem Unbewussten, sondern mit gestörten Verhaltensmustern.

Kampf der Schulen

Zwischen den Vertretern der neuen Sichtweise, deren bekannteste die Verhaltenstherapeuten sind, und den unerschütterlichen Anhängern Freuds entbrannte ein geharnischter Kampf der Schulen. Und mit Vorliebe bedienten sich die Verhaltenstherapeuten und ihre Gesinnungsgenossen der freudianischen Wunscherfüllungstheorie des Traums, um die Psychoanalyse als unwissenschaftlich und spekulativ zu entlarven. Im Gegenzug warfen die Psychoanalytiker den Verhaltenstherapeuten vor, oberflächlich und einseitig zu sein, da diese sich ausschließlich um das beobachtbare Verhalten und nicht um dessen angeblich unbewusste Wurzeln kümmerten.

Quantitative Bedeutung des Traums

Der Psychologe Jürgen vom Scheidt hat ausgerechnet, dass ein siebzigjähriger Mensch fast 153.000 Träume geträumt hat. Er setzt dabei voraus, dass der Mensch jede Nacht fünf bis sieben Mal träumt. Vom Scheidt geht also von einer durschschnittlichen Traumzahl von sechs Mal pro Nacht aus, dies ergibt in einer Woche 42, in einem Jahr bereits 2184 Träume. (4) Die Geringschätzung, die - abgesehen von den Psychoanalytikern und einigen anderen Außenseitern - die meisten Menschen im westlichen Kulturkreis dem Traum entgegenbringen, wird also zumindest seiner quantitativen Bedeutung für unser Leben nicht gerecht.

(1) Einen kompakten Überblick über die wichtigsten Konzepte der Psychoanalyse vermittelt das "Vokabular der Psychoanalyse" von J. Laplanche und J.-B. Pontalis (Frankfurt a. M., Suhrkamp, 14. Aufl. 1998); zum Wesen des Traums siehe das Stichwort "Latenter Inhalt"

(2) Ignaz Jezower: Das Buch der Träume. Frankfurt a. M., Berlin, Wien (Ullstein) 1985, Traum Nr. 709, Seite 381

(3) vgl. Helmut Thomä & Horst Kächele: Lehrbuch der psychoanalytischen Therapie, 1. Grundlagen, 5 Traumdeutung, 142 ff.

(4) Jürgen vom Scheidt: Traum, in: Roland Asanger und Gerd Wenninger (Hrsg.): Handwörterbuch Psychologie. Weinhein, Psychologie Vedrlags Union, 1992, 802-807

Inhalt

Der Traum
Die psychoanalytische Sicht des Traums
Biologische Aspekte des Traums
Eine philosophische Deutung des Traums
Der Traum als Dichtung
Das dominierende Gefühl im Traum
Trauminhalte
Der Klartraum


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