Der Traum ist eine magische Welt. Die Naturgesetze sind aufgehoben. Alle erdenklichen Formen der Zauberei treten an ihre Stelle. Doch die Grundlage dieser magischen Welt ist unser Gehirn - die komplexeste Struktur der materiellen Welt, die wir kennen.

REM-Schlaf und NREM-Schlaf

Das menschliche Zentralnervensystem kennt drei hauptsächliche Grundzustände: Das Wachsein und zwei Formen des Schlafs. Die eine Form des Schlafs ist durch schnelle, ruckartige, aber auch symmetrische Augenbewegungen gekennzeichnet. Die andere Form ist nicht mit diesen Augenbewegungen verbunden. Daher unterscheiden wir den NREM-Schlaf und den REM-Schlaf. REM bedeutet rapid eye movement und NREM entsprechend nonrapid eye movement. Wer während des REM-Schlafs aufwacht, erinnert sich in 80 - 90 % aller Fälle an lebhafte Träume. Menschen träumen auch während des NREM-Schlafs, aber deutlich seltener. (5)
Misst man die Hirnströme während des REM-Schlafs, so zeigen sich Muster im EEG, die denen des Wachseins ähnlich sind. Am tiefsten schläft der Mensch während der Phasen des NREM-Schlafs, die durch sehr langsame Gehirnwellen gekennzeichnet sind. Entsprechend ist er aus diesen Phasen auch am schwersten aufzuwecken. Der Penis versteift sich in der Regel während des REM-Schlafs. Im Schlaf wechseln REM- und NREM-Phasen einander ab. In der zweiten Nachthälfte verkürzen sich die NREM-Phasen im Verhältnis zu den REM-Abschnitten.

Dem Gehirn bei der Arbeit zuschauen

Die verschlungenen Wege der Magie

Mit der Positronen-Emmissions-Tomographie (PET) kann man den Blutfluss und die Stoffwechselvorgänge im Gehirn studieren. Eine starke Durchblutung bestimmter Hirnbereiche zeigt, dass diese besonders aktiv sind. Entsprechenden Studien ergaben, dass der Blutfluss im gesamten Gehirn während des NREM-Schlafs beständig abnimmt. Während des REM-Schlafs aber strömt das Blut verstärkt in bestimmte Zentren des Großhirns, die vermutlich für die Lebendigkeit und Bildhaftigkeit des Traums verantwortlich sind. Zugleich aber bleibt die Durchblutung des vorderen Stirnlappenbereichs vermindert. Manche Forscher halten dies für eine Erklärung dafür, warum der Träumer selbst den bizarrsten Trauminhalt unkritisch akzeptiert. (6) Der vordere Stirnlappenbereich spielt nämlich bei der Kontrolle und Koordination intellektueller Funktionen, also auch des kritischen Denkens eine entscheidende Rolle. Doch dies ist sicher keine ausreichende Erklärung für die bizarre Lebendigkeit der Trauminhalte, denn der Mensch träumt bekanntlich, wenn auch seltener, in den NREM-Phasen des Schlafes.

Biologische Funktionen des Traums

Trotz eifriger Forschung ist es der Biologie bisher noch nicht gelungen, die Funktion des Traums für die Selbsterhaltung des Körpers zu ergründen. Daher halten manche Wissenschaftler den Traum für ein zufälliges Nebenprodukt des REM-Schlafs, das keine biologische Bedeutung besitzt. Der finnische Philosoph und Neurowissenschaftler A. Revonsuo von der Universität Turku widerspricht dieser Einschätzung mit einer äußerst interessanten These. Der Traum, meint Turku, hat durchaus evolutionäre Bedeutung.
Der Traum erhöht nach dieser Theorie die Überlebens- und damit die Fortpflanzungswahrscheinlichkeit eines Organismus. Die biologische Funktion des Traums besteht aus dieser Sicht nämlich darin, bedrohliche Ereignisse zu simulieren und im Schlaf die Gefahrenwahrnehmung und -vermeidung zu üben. Als die menschlichen Erbanlagen im Übergangsfeld zwischen Mensch und Tier entstanden, war das Leben allerdings tatsächlich voller natürlicher Gefahren - und so könnte die Hypothese des finnischen Wissenschaftlers zumindest für einen Teil der Träume durchaus zutreffen. (7) Sie klingt zumindest plausibel, bewiesen ist sie jedoch nicht.

(5) G. William Domhoff: A new neurocognitive theory of dreams. Dreaming 11, 13 - 33, 2001

(6) Michael B. Russo: Normal Sleep, Sleep Physiology, and Sleep Deprivation: General Principles, February 5, 2002

(7) A. Revonsuo: The reinterpretation of dreams: an evolutionary hypothesis of the function of dreamind. Behavoir and Brain Science, 2000, Dec., 23(6), 877-901

Inhalt

Der Traum
Die psychoanalytische Sicht des Traums
Biologische Aspekte des Traums
Eine philosophische Deutung des Traums
Der Traum als Dichtung
Das dominierende Gefühl im Traum
Trauminhalte
Der Klartraum


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