Für den marxistischen Philosophen Ernst Bloch bestand die vornehmste Aufgabe des Traumes darin, sich eine bessere Zukunft auszumalen. Sein besonderes Interesse galt daher dem Tagtraum, der durch ein starkes Ich und Freiheit zur Gestaltung gekennzeichnet ist.

Tagtraum und Nachttraum

Der marxistische Philosoph Ernst Bloch trifft eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Tag- und Nachttraum. Wie für Freud besteht die Funktion des Nachttraums auch für Bloch darin, Wunschvorstellungen zu halluzinieren. Zwar ist das zensierende, wohlanständige Ich im Traum geschwächt, aber nicht ausgeschaltet. Und so ist fast kein Nachttraum "Wunscherfüllung in bar"; anstößige, verpönte Trauminhalte werden vielmehr maskiert oder verschlüsselt.

Die Nachtträume - auch hier sind sich Freud und Bloch einig - speisen sich aus zurückliegendem Triebleben, sind also vergangenheitsbezogen. Für Freud war der Tagtraum eine blosse Vorstufe für den Nachttraum, doch hier widerspricht Bloch: Der Tagtraum "zeichnet frei wählbare und wiederholbare Gestalten in die Luft, er kann schwärmen und faseln, aber auch sinnen und planen." Und somit wäre es absurd, so Bloch, die Tagträume psychologisch mit den Nachtträumen auf eine Stufe zu stellen. Der Tagtraum nämlich sei ein "Vorgriff der Einbildungskraft" und kein Rückgriff auf Vergangenes.

Der Tagträumer kann den Traum nach seinem Gutdünken gestalten, während der Nachtträumer nie weiß, "was ihn hinter der Schwelle zum Unterbewusstsein erwartet". Außerdem ist natürlich auch das Ich im Tagtraum nicht so geschwächt wie im Nachtraum; der Tagtraum unterliegt also weitgehender Kontrolle durch den Träumenden.

Diesen beiden ersten Charakteristika des Tagtraums, nämlich "Freiheit zur Gestaltung" und "starkes Ich", fügt Bloch noch zwei weitere Merkmale hinzu: "Weltverbesserung" und "Fahrt ans Ende". Das Merkmal der "Weltverbesserung" bedarf keiner näheren Erläuterung. "Fahrt ans Ende" bedeutet, dass die im Tagtraum entwickelten Wünsche auf ein vielleicht utopisches, aber immerhin inhaltlich bestimmtes Ziel bezogen sind.

Der Nachtraum wird in seine Bilder hineingezogen; der Tagtraum aber "projiziert seine Bilder in ein Künftiges". Der Tagtraum muss daher nicht, wie der Nachttraum, gedeutet, sondern korrigiert und eventuell auch realisiert werden. (8)

Wenn Menschen in der realen Welt sich Tagträumen hingeben, dann handeln diese - anders als in Blochs Reich der Träume - meist nicht von der Revolution.

Prinzip Hoffnung, ein Traum vom Traum

Aus meiner Sicht ist diese Traumtheorie selbst eine tagträumerische Wunscherfüllung des marxistischen Philosophen Ernst Bloch, der seine Mitmenschen inspirieren wollte, von der klassenlosen Gesellschaft nicht nur zu träumen, sondern für diesen Traum auch zu kämpfen.

Der erste Band des "Prinzips Hoffnung", aus dem die zitierten Gedanken über das Träumen stammen, erschien 1954. Eine Absicherung seiner Ideen durch empirische Studien war Bloch damals angesichts des Forschungsstandes noch nicht möglich. Eine Verankerung in der empirischen Realität ist aber auch heute noch nicht in Sicht. Blochs Theorie des Traums war und ist ein Traum vom Traum.

(8) Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. Erster Band. Frankfurt a. M. (Suhrkamp Verlag), 1973, 86 ff.

Inhalt

Inhalt

Der Traum
Die psychoanalytische Sicht des Traums
Biologische Aspekte des Traums
Eine philosophische Deutung des Traums
Der Traum als Dichtung
Das dominierende Gefühl im Traum
Trauminhalte
Der Klartraum


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