Der Traum ist nicht nur eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration für Poeten. Er selbst ist eine Dichtung und der Träumer ist der Dichter.

Das Kunstwerk "Traum"

Die Elemente des Traums sind der Wirklichkeit entnommen. Sie werden allerdings in einer Weise zusammengesetzt, die nicht den Gesetzen und Regeln der Wirklichkeit unterliegt. So träumen wir vielleicht von einem geflügelten Elefanten, der chinesisch spricht. Zweifellos gibt es solche Wesen nicht, aber es gibt Flügel, Elefanten und die chinesische Sprache. Nicht nur der Bericht, den der Träumer von seinem Traum gibt, sondern der Traum selbst im Augenblick des Träumens, ähneln einem literarischen Kunstwerk, einer Erzählung oder einem Theaterstück. Der Träumer ist der Autor dieses Kunstwerks, dieses Produkts der Phantasie.

Verborgene Bedeutung

Es ist daher sich nicht gerechtfertigt, dem Traum Bedeutung abzusprechen. Die Bedeutung des Traums mag uns verborgen bleiben. Doch auch die Bedeutung mancher modernen Gedichte oder surrealer Filme bleibt uns (zunächst) verschlossen. Wir werden sie deshalb nicht als bedeutungslos auffassen. Wir können nur sagen, dass ihre Bedeutung nicht so offensichtlich ist wie die Bedeutung eines Berichts über vertraute Sachverhalte in der äußeren Wirklichkeit. Daher müssen Träume mitunter gedeutet werden wie Kunstwerke, deren Sinn nicht unmittelbar ins Auge springt. (9)

Märchenhafte Züge

Der Traum ist also ein Werk des Träumers, das er häufig in einer besonderen Bewusstseinslage geschaffen hat, die von der modernen Biologie REM-Schlaf genannt wird. Der Blick ins Gehirn mit Hilfe der Computer-Tomographie zeigt, dass die für das kritische Denken zuständigen Grauen Zellen im REM-Phasen-Traum, ebenso wie im selteneren NREM-Phasen-Traum, nur mässig durchblutet sind.Gleichzeitig sind aber im REM-Phasen-Traum andere Hirnbereiche aktiviert, die für anschauliches Denken zuständig sind.
Der Träumer schafft also ein "Kunstwerk", das in stärkerem Maße die Gefühle als den Verstand anspricht. Die Traumgedanken sind unkritisch und bildhaft-konkret wie die Gedanken eines Kindes, das zum kritischen Denken noch nicht in der Lage ist. Und so haben unsere Träume ausgeprägt märchenhafte Züge.

Autor und Träumer

Nun darf aber ein großer Unterschied zwischen einem Träumer und einen Autor nicht unerwähnt bleiben. Dieser Unterschied gilt allerdings nur für den Nacht-, nicht für den Tagträumer. Während der Autor seine Geschichte bestimmt und seine Charaktere (in Grenzen) zu lenken vermag, ist der Nachtträumer, wie Ernst Bloch hervorhob, in der Regel Kräften und Prozessen ausgeliefert, die sich seiner Kontrolle entziehen. Eine Ausnahme bilden allerdings die luziden Träume, in denen der Träumer bewusst und kontrolliert träumt.

Dennoch halte ich den Träumer auch im nicht-luziden Nachttraum für den eigentlichen Urheber des Traums. Scheinbar spaltet sich der Träumer während des Traums in zwei Personen oder Ichzustände. Der eine Ich-Zustand (Zustand A) ist mit anderen Traumgestalten als teilnehmender Beobachter in den Traum involviert; der andere Ich-Zustand (Zustand B) produziert den Traum. Das bewusste, wache Ich kann sich bestenfalls an den teilnehmenden Beobachter des nicht-luziden Traums erinnern, nicht aber an das dunkle Traum-Ich. Und dennoch unterstelle ich dessen Existenz, denn aus meiner Sicht sind unsere Träume ein ursprünglicher Ausdruck unserer Identität. Und dies könnten sie nicht sein, wenn sie nicht durch ein verborgenes Ich inszeniert würden. (10)


(9) Ein interessanter Aufsatz über den Zusammenhang von Kunst, Traum und Bedeutung stammt aus der Feder von Bert O. States: The Meaning of Dreams. Dreaming, 2(4), 1992
(10) Informationen zu den psychologischen Grundlagen der Spaltung des Ichs bzw. des Bewusstseins finden sich z. B. in: Robert Ornstein: Multimind. Ein Modell des menschlichen Geistes. Paderborn (Junfermann), 1989

Inhalt

Der Traum
Die psychoanalytische Sicht des Traums
Biologische Aspekte des Traums

Eine philosophische Deutung des Traums
Der Traum als Dichtung
Das dominierende Gefühl im Traum
Trauminhalte
Der Klartraum


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