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Freud meinte, der Traum sei pure Wunscherfüllung. Doch moderne Traumforschung zeigt jedoch ein anderes Bild. Über den Inhalt der Träume bestimmt das im wachen Leben zur Zeit dominierende Gefühl.
Wie bereits erwähnt, sprechen Berichte über Träume in stärkerem Maß das Gefühl als den Verstand an. Und dies ist natürlich auch nicht weiter erstaunlich, denn der Traum ist im Grunde das pure Gefühl. Aus diesem Grund kommen verstandesbetonte Aktivitäten wie Lesen, Schreiben und Rechnen im Traum so gut wie gar nicht vor - auch nicht in den Träumen von Schriftstellern oder Buchhaltern. Da der Traum sich nicht den Regeln und Gesetzen der Wirklichkeit unterwirft, kann er eine Vielzahl von Beziehungen (Assoziationen) herstellen, die das Wachbewusstsein z. B. als unsinnig oder bizarr ausblendet.
Dennoch sind Träume nicht völlig willkürlich, als würden sie von einem Zufallsgenerator erzeugt. Der auch experimentell forschende Psychoanalytiker und Traum-Spezialist Ernest Hartmann hat die Theorie entwickelt, dass den Träumen durchaus eine ordnende Kraft innewohnt. Diese Kraft bestimme den Gang der Assoziationen und entscheide, welche Elemente hervorgehoben und welche ausgeschlossen werden. Diese Kraft sei jenes Gefühl oder Gefühlsmuster, das die Psyche des Träumers zur Zeit des Traums beherrscht.
Da Menschen häufig unter dem Einfluss einer Vielzahl von Gefühlen stehen, ist es nicht immer leicht, die spezifische Auswirkung eines Gefühls oder Gefühlsmusters auf die Trauminhalte zu studieren. Es gibt allerdings auch Ausnahmen von dieser Regel. Wenn ein Mensch gerade ein schweres psychisches Trauma erlebt hat, zum Beispiel mit knapper Not einem berennenden Haus entkommen ist, dann finden sich in seinen Träumen im Anschluss an dieses Ereignis fast ausschließlich Inszenierungen des dominierenden Gefühlsmusters, das durch die traumatisierende Sitation ausgelöst wurde. Wenn dann die Zeit die Wunden heilt, verschwindet die traumatische Thematik aus den Träumen, ebenso wie das dominierende Gefühlsmuster der Panik, des Horrors und der (etwas später einsetzenden) Schuld des Überlebenden (falls andere getötet wurden) verblasst. (11)

Hartmanns These und seine Analysen der Träume Traumatisierter stimmen auch sehr gut mit der Theorie A. Revonsuos zur evolutionären Funktion des Traums überein, die ich im Abschnitt über die "Biologischen Aspekte" kurz erwähnt habe. Die überwiegende Mehrheit der Träume sind Gefahrenträume. Der Traum ist auch ein mentales Training zur Meisterung von Gefahren.
Die Funktion des dominierenden Gefühls oder Gefühlsmusters zeigt sich so deutlich aber nicht nur bei traumatisierten Menschen, sondern z. B. auch bei schwangeren Frauen. Hartmann deutet Träume als erklärende Metaphern, als Bilder der emotionalen Verfassung eines Menschen.
Träume sind also keineswegs immer Wunscherfüllung, die sich
letztlich auf frühkindliche sexuelle Bedürfnisse bezieht, wie
Freud einst mutmaßte. Wenn sexuelle Gefühle (Begierden, Ängste)
den Schläfer beherrschen, dann träumt er allerdings sexbezogene
Inhalte. Der Traumstatistiker Bill Domhoff fand heraus, dass sich maximal
zehn Prozent der Träume auf sexuelle Themen beziehen. (12)
Vermutlich entspricht dieser Prozentsatz in etwa auch der Bedeutung, die
Menschen in westlichen Kulturen im Wachzustand der Sexualität beimessen.
(11) Hartmann, E.: Outline for a theory on the nature and functions of dreaming. Dreaming, 6 (2), 1996
(12) Interview der Zeitschrift Discover mit dem Psychologen und Soziologen Prof. Bill Domhoff von der kalifornischen Universität in Santa Cruz, Discover, 23, March 2002: "Freud-Debunker Bill Domhoff, Dream Un-Weaver"
Der Traum
Die psychoanalytische Sicht
des Traums
Biologische Aspekte des Traums
Eine philosophische Deutung des Traums
Der Traum als Dichtung
Das dominierende Gefühl im Traum
Trauminhalte
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